Wissenschaftliche Einordnung der Untersuchung
1 Wissenschaftliche Einordnung der Untersuchung
1.1 Anliegen der Studie
Bereits über mehrere Jahre beschäftigen wir uns mit dem Vorwissen von Grundschulkindern zu zentralen Inhalten des Mathematikunterrichts der Grundschule. Dabei waren die Schuleingangphase und ariıthmetische Inhalte Schwerpunkte unserer bisherigen Untersuchungen.
Mit unserer letzten Untersuchung‘ haben wir das Vorwissen von Schulanfängern zu ausgewählten(arıthmetischen und geometrischen) Inhalten erfasst und mit dem am Ende der Klasse 1 vorhandenen Wissen- bezogen auf die Fähigkeit, die vorgelegten Aufgaben zu lösen — verglichen.
Insgesamt konnten wir recht hohe, aber auch sehr heterogene Kompetenzen bei den Schulanfängern feststellen. Erstaunlich war z.B., dass Kinder in einem sozialen Brennpunkt fast alle Aufgaben deutlich schlechter lösten als die anderen an der Untersuchung beteiligten Kinder, jedoch bei der Aufgabe zum Einkaufen(10€- 6€) erheblich bessere Leistungen als die anderen Kinder zeigten‘. Das war u.a. ein Ausgangspunkt für die nun mit ersten Ergebnissen vorliegende neue Studie.
Erstaunlich war für uns auch, dass die Leistungen der Kinder am Ende der Klasse 1 durchaus nicht bei allen gestellten Aufgaben über denen lagen, die wir zu Schulbeginn ermittelt hatten. Aus der Sicht unserer Studien können wir die folgende Aussage von Steiner nur unterstützen: „Wenn man sich die pränumerischen Fähigkeiten der Kinder vor Augen hält, die sie in die Schule mitbringen, so besteht der Verdacht, dass die Schule den reichen Schatz an elementaren Mathematisierungsfähigkeiten der Kinder oftmals zuschüttet.‘““(Steiner 1997)
Die Diskrepanz zwischen schulischen und außerschulischen Fähigkeiten bei der Anwendung von Mathematik besteht nicht nur in dem von Steiner angesprochenen Bereich des Schulanfangs. Nunes, Dias, Schliemann und Carraher(vgl. Nunes u.a. 1993) konnten z.B. zeigen, dass brasilianische Straßenkinder, die seit frühester Kindheit zur Sicherung ihres Lebensunterhalts Lebensmittel verkauften, kontextfreie Rechenaufgaben weitaus schlechter lösen als„Verkaufsaufgaben“‘, die die gleiche mathematische Struktur wie die kontextfreien Aufgaben aufweisen. Bei diesen Kindern finden wir(noch) keine mathematischen Konzepte
vor.
Mit Blick auf die wissenschaftlichen Begriffe und Konzepte der Mathematik könnte auch von „Präkonzepten‘“— wie es ın der Naturwissenschaftsdidaktik der Primarstufe üblich ist— gesprochen werden.
Soll die Qualität von mathematischer Bildung verbessert werden, ist es u.a. erforderlich, schulisches und außerschulisches Lernen enger miteinander zu verknüpfen(vgl. Gardner 1994) und auch das Wissen und die Fähigkeiten, die Kinder außerhalb des Unterrichts erwerben, bewusst ım Unterricht aufzugreifen. Dazu wiederum sind eine genaue Kenntnis dieses Wis
l Grassmann, Klunter, Köhler, Mirwald, Raudies, Thiel:
Mathematischen Kompetenzen von Schulanfängern, Teil 1: Kinderleistungen— Lehrererwartungen; Potsdamer Studien zur Grundschulforschung 30(2002)
Mathematischen Kompetenzen von Schulanfängern, Teil 2: Was können Kinder am Ende der Klasse 1?, Potsdamer Studien zur Grundschulforschung 31(2003)
7 Hier kann man die Vermutung anstellen, dass Einkaufserfahrungen/der Umgang mit Geld eher zu den Erfahrungsbereichen der Kinder ın dem sozialen Brennpunkt als zu den der„behüteten‘“ Kinder gehörten.