Heft 
(1956) 11
Seite
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schäftsschluß, oft erst zwischen 9 und 10, denn von einem 8- oder 7-Uhr- Ladenschluß war damals noch nicht die Rede, wurde die Schublade geleert und die 1-, 2-, 5- und 10-Pfennigstücke in Häufchen geordnet, wobei ich oft mit Begeisterung mitgeholfen habe. Ich wüßte heute noch die Stellen anzugeben, wo damals die Schubladen mit der Schokolade und den Rosinen waren, und den Platz, wo die merkwürdig geformten Schnapsflaschen standen, deren eine später im Heimatmuseum zu sehen war. Eine enthielt einen wunderschönen roten, aber sicher sehr harmlosen Kirschlikör. Wenn ein gewichtigerer Kunde kam, bot mein Onkel ihm einen solchen Schnaps an, goß ein Gläschen voll und fragte beim Eingießen:Ist es genug? Auf die bejahende Antwort sagte er dann:Na, denn Prost! und trank den Schnaps selbst aus. Aber der verwunderte Kunde bekam dann natürlich auch einen. In der Nähe der Fenster befand sich im Boden eine aufhebbare Klappe, von der eine Treppe in einen großen Keller führte, in dem Wein und andere Warenvorräte aufbewahrt wurden. Ich hatte da unten immer ein leise unheimliches Gefühl, und das hat sich viel später bei mir zuweilen im Traum wieder eingestellt, wo ich diesen Keller als ein unendliches Labyrinth von finsteren und feuchten Gewölben wiedersah.

Viel freundlicher war es auf dem großen Flur, von dessen Decke die ge­waltige Waage herabhing, die ebenfalls heute im Museum ist. Auf ihr wurde damals das Leder gewogen, denn das Geschäft handelte außer mit Kolonialwaren mit allem, was Schuhmacher und Sattler brauchten, vor­nehmlich also mit Leder. Dieses wurde in mächtigen halben Roß- und Rindshäuten, sogenannten Ripsen, angefahren und dann von den Gehilfen auf die Waage geschleppt. Aber auch meine Eltern und ich bestiegen sie, und zwar gewöhnlich am Anfang und am Ende der Ferien, um zu sehen, wieviel wir an Großmutters nahrhaftem Tisch in den Ferien zugenommen hatten.

Trat man aus der Haustür und ging die fünfstufige Freitreppe hinab, die von zwei kurzen d.cken Pfeilern flankiert war, die, weiß der Himmel warum, die Käse genannt wurden, dann gab es allerlei zu sehen. Gegen­über das Rathaus mit dem schönen Wappen mit seinem achtstrahligen Stern und den Perlen zwischen seinen Strahlen, und zur Rechten die mächtige Stadtkirche, damals noch mit dem gewaltigen Turm, der weithin das Wahrzeichen Perlebergs war, und von dem man fern in die Lande hinaussehen konnte, was ich oft genug getan habe. Hatte man Glück,, dann kam aus dem Rathause der Ausrufer, der mit mächtiger Stimme der Bürgerschaft die Erlasse des hohen Magistrats verkündete. Der Mann machte mir einen gewaltigen Eindruck schon durch seinen langen dunklen Eart, noch viel mehr aber durch die Tatsache, daß er, vermutlich ein Invalide aus dem siebziger Krieg, nur einen Arm hatte.

Wenige Schritte nach links kam man zu der Pumpe, von der die Frauen und Mädchen in Eimern, die gewöhnlich zu zweien an einer Schultertrage

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