Heft 
(1956) 11
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Trauben diesesSüdweines an heimatlichen Perleberger Johannisbeer­sträuchern gehangen hatten.

In der Stepenitz lagen damals dort, wo die beiden Arme sich trennen, im sogenannten TangermannschenGondelhafen, Mietkähne, in deren einen ich bisweilen mit einem älteren Freunde flußaufwärts gerudert bin. Eines Tages hatten wir meine damals etwa achtjährige Cousine Käthe Thiele mit­genommen, die ja jetzt als Musiklehrerin und Chorleiterin in Perleberg eine sehr bekannte Persönlichkeit ist. Als wir mitten auf dem Flusse waren, kommandierte sie ganz trocken:Haltet mal an, ich muß mir erst mal die Nase putzen. Wir hielten als Kavaliere selbstverständlich an und Käthe putzte sich zu unserer Freude ausgiebig die Nase.

Ein beliebter Weg war auch der zum Forsthaus Bollbrück. Ich bin von da in den dreißiger Jahren auch mehrfach weitermarschiert nach Wilsnack, um die mächtige Wallfahrtskirche zu besichtigen und Moorbäder gegen meinen mich damals schwer plagenden Rheumatismus zu nehmen. Ganz in der Nähe von Bollbrück besaß mein Onkel Gustav Thiele eine stark vermoorte Wiese, die dadurch interessant war, daß auf ihr massenhaft die Wollblumen standen, d. h. die wollartigen Fruchtstände des Wollgrases. Dort habe ich auch das einzige Mal in meinem Leben in freier Wildbahn die bekanntlich unter Naturschutz stehende Sumpfschildkröte gesehen.

Krone und Gipfel meiner Ausflüge bildete aber das ForsthausAlte Eichen. Solange der Onkel Wenzel noch bei meinen Großeltern wohnte, ließ er öfter seine dort in den Hofställen stehenden Müllerpferde an­spannen und meine Eltern und mich, auch wohl mit anderen Verwandten oder Freunden, an den hübschen Anlagen mit dem Kriegerdenkmal und dem Schützenhaus vorbei, nach dem Forsthaus fahren. Später wurde zu dem Behuf der stadtbekannte Fuhrwerksbesitzer Mosenheyer gechartert, den ich schändlicherweise in Hosenmeyer umtaufte. Wie deutlich steht mir das niedrige, behaglich breite Fachwerkhaus mit seinen Bewohnern in der Erinnerung. Die alte Frau Förster Schulz habe ich noch gut gekannt, während ich mich ihres Gatten nicht mehr entsinnen kann. Umso besser aber seines Nachfolgers Förster Frenzei und seiner prächtigen, immer freundlichen und liebenswürdigen Frau, die uns ihren 'guten Kaffee echten, denn der Muckefuck war damals noch nicht erfunden an einem der Tische hinter dem Hause servierte. Dazu wurden gewaltige Mengen des herrlichen Butterkuchens vertilgt, den Großmutter Thiele uns mit­gegeben hatte. Und dann ging es zur Pilzsuche in den Wald. Pfifferlinge gab es meist reichlich, und wer Glück hatte, fand auch wohl Steinpilze. Selbstverständlich wurden auch allerlei kindliche Spiele gespielt, an denen sich auch die Erwachsenen beteiligten. Ging man von der Vorderseite des Forsthauses ein paar Schritte weiter, dann stieß man auf einen kleinen Bachlauf, an dessen Ufern massenweise der schöne Hainwachtelweizen blühte mit seinen pyramidenförmigen Ähren goldgelber Blüten mit rost-

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