Heft 
(1956) 3
Seite
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Grabgesänge der Priester und Priesterinnen; wir schauen über die Unzähl­barkeit der Trauernden hinweg, die schweigend im weiten Rund den noch- getürmten Holzstoß umstehen und ergriffen zuschauen, wie die Flammen den Leichnam dessen verzehren, der ihnen bis jetzt das Oberhaupt war. Wie muß auch unsere Heimat in dieser Zeit dicht besiedelt gewesen sein! Dieser einzige Grabhügel in der künstlichen Aufhäufung von 30 000 Kubik­metern Erde und Gestein zeugt allein schon von der gewaltigen mensch­lichen Leistung und der Dichte der Bevölkerung. Aber rundherum auf der Seddiner Feldmark und den umliegenden Gemarkungen zählte man, neben den vielen Flachgräbern, weitere Hügelgräber, zu Dutzenden und Aber­dutzenden. Allein aus dem Jahre 1888 wissen wir, daß neben den bisher schon ausgebeuteten abermals 40 bis 50 Hügelgräber zur Steinnutzung von einem Unternehmer auf der Feldmark Seddin angekauft wurden. Welche geheimnisvollen Gründe hatte die Anhäufung dieser bronzezeitlichen Hügelgräber gerade auf der Seddiner Feldmark gehabt? Zwar haben wir die Hügelgräber auch auf anderen Fluren unserer Prignitz, oft in reicher Zahl, aber doch niemals in solch gehäufter Menge, wie das hier in Seddin und den nächsten umliegenden Gemarkungen der Fall ist. Lag es daran, daß nun tatsächlich die Bevölkerungsdichte hier um das schöne und an­lockende Stepenitztal besonders stark war und die bronzezeitliche Besied­lung unserer Heimat hier gewissermaßen ihreHauptstadt hatte? Oder war die Ursache die, daß vielleicht auf der welligen Landschaft der Grund­moräne die Eiszeit gerade hier ihre nordischen Wandergesellen in dichtester Fülle ablud? Es war immer leichter, eine Leiche zu transportieren als tausende Kubikmeter Feldsteine! So lockte dieser Steinreichtum vielleicht dazu, hier den großen Begräbnisplatz, den Ehrenfriedhof bronzezeitlicher Führerpersönlichkeiten anzulegen, ähnlich, wie es gut tausend Jahre zuvor die Ägypter im Bau ihrer Pyramiden auf begrenztem Raume taten. Und daß die Findlinge der Eiszeit hier in Seddin und Umgegend tatsächlich besonders dicht lagen, sehen wir daran, daß sie uns noch heute, oftmals in stattlichster Größe, in diesersteinreichen Gegend überall auf den Fluren und an den Wegrändern begegnen, obwohl außer den vorzeitlichen Hügel­gräbern in den letzten Jahrhunderten zahlreiche und imposante Wirt­schaftsgebäude aus ihnen errichtet wurden, die heute noch fest dastehen und der Zerstörung Trutz boten.

Die vielen Seddiner Grabhügel, die den Hinzerberg umsäumten, kamen wohl an Größe nicht dem Königsgrabe gleich, aber auch sie schenkten bis m unsere Zeit, wie wir das am benachbartenTeufelsberg von Wolfs­hagen so vvundervoll erlebten (siehe Heft 2/1955 unserer Zeitschrift), dem Altertumsforscher neue und reiche Erkenntnisse und den Museen wert­vollste und z.T. sehr seltene bronzezeitliche Anschauungsstücke. Die meisten der geretteten Funde des vorigen Jahrhunderts wurden von Eduard Krause nach Berlin genommen. Nur ein Teil blieb in der Heimat und befindet sich

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