Heft 
(1957) 9
Seite
261
Einzelbild herunterladen

Herrenhaus vorbeigingen, die Mütze zu ziehen hätten, gleich, ob jemand ansichtig wäre oder nicht. Von den Frauen verlangte er in der gleichen Handlung einen tiefen Knicks.

Für seine ihm genehmen Leute sorgte Clausius stets, jedoch meistens auf Kosten anderer, nicht minder für die Mägde, für die er immer einen Part­ner fand. Seinen Diener Gädicke, den früheren Leineweberjungen, schätzte er sehr und ließ ihm manche Vergünstigung zukommen. Kannte doch Gädicke im Laufe seiher zehnjährigen Bedientenzeit nicht nur alle Intimi­täten des Clausius, sondern auch die vielen Schmutzigkeiten, die vom Herrenhaus ausgingen. Und der treue Diener konnte schweigen. Für ihn richtete Amtsrat Clausius in einem neu und besonders dazu erbauten Hause gegen einen geringen Grundzins von jährlich 2 Rthlr. den Dorfkrug ein. Gädicke war mit seinen gut erzogenen Manieren aber auch mit viel Mutter­witz zum Schankwirt wie geschaffen und verstand es in einer sehr klugen Art, jeden Gast auszuhorchen. Von ihm ist dann auch allerdings erst später. bekanntgeworden, daß sein Herr während der Neustädter Amts­zeit alle diejenigen Dokumente und Urkunden aus dem Amtsarchiv ent­fernte und verbrannte, in denen die Rechte der Untertanen durch die frü­heren Amtsbesitzer, im besonderen die Vergünstigungen, die ihnen der Prinz, von Hessen-Homburg zustand, und woran niemals etwas geändert werden sollte, gesichert waren. Hätte Gädicke schon früher diese Aussagen machen können, dann dürften die Enteignungsprozesse wohl eine andere Wendung gefunden haben. So aber blieb er, solange Clausius in Bückwitz herrschte, seines Herrn getreuer Diener.

War es der Fluch des Bauern Schmidt oder waren es andere Umstände, die dazu führten, die Bückwitzer Herrenzeit des Amtsrats Clausius schneller, als er es wohl selbst vermutete, zu Ende zu bringen? Mehrmalige schlechte Ernten, dazu grauenhafte Viehseuchen und wohl nicht zuletzt oftmals der passive Widerstand der zum Hofdienst gezwungenen Bauern erschütterten arg die herrschaftlichen Vermögensbestände. Noch mehrmals bäumte sich der Herrenstolz des alt und grau gewordenen Gutsherrn gegen das Un­abwendbare auf und brach in Zomesausbrüchen gegen die Untertanen los. Doch ohne wahre Freunde, die ihm zu diesem oder jenem Schritt noch hätten raten können, überall nur Feindschaft, Schmarotzertum oder Augen­dienerei, selbst zum Schluß noch von seiner Frau verlassen, so wurde Clausius ein einsamer Mann. Innerlich nun auch mit sich selbst unzufrie­den, verschlechterte sich seine Wirtschaftsführung immer mehr. Zunächst fiel die Besitzung Clausiushof zum Opfer, sie wurde verkauft und ein Jahr später dann auch das Rittergut Bückwitz. Der ihm noch verbliebene Erlös

261