Heft 
(1958) 6
Seite
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engsten Vertrauten, und bildeten den Kern in der sozialdemokratischen Gruppe. Sie trieben auch weiterhin das politische Leben immer wieder voran, waren führend bei den politischen Auseinandersetzungen und bei der Entwicklung der Arbeiterbewegung in Wittenberge. Sie warben Freunde für die gemeinsame Sache, und in ihren Reihen fanden die Ar­beiter auch bei den späteren erbitterten Klassenkämpfen beratende Freunde. Aus ihrer Mitte heraus wuchs die Vorhut des Proletariats. Jenseits des großen Teiches beobachteten kapitalistisch interessierte Kreise auch die Entwicklung der Elbestadt, und 1903 gründete The Singer Manu­facturing Co. General Management aus New York in Wittenberge eine Nähmaschinenfabrik. Ganz gewiß trieb nicht Sorge um die Arbeitsfähig­keit und Rentabilität deutscher Schneiderbetriebe oder hilfsbereite Freund­schaft zu deutschen Hausfrauen die amerikanischen Geldleute zur Kapital­ausfuhr nach Wittenberge. Um durch ihr amerikanisches Kapital Profite aus Deutschland herauszuholen, kauften sie deutsche Arbeitskraft. Absatz ihrer Produkte in Europa war ihnen sicher. Da die Kaufsummen in Ab­zahlungsraten geleistet werden konnten, hungerte sich manche Familie das Geld für eine Maschine ab, damit die Hausfrau durch Heimarbeit zum Unterhalt beitragen konnte. Jetzt erschien es auch gar manchem auf dem Lande verlockend, in die Stadt zu ziehen. Verwunderlich war das nicht; denn viel geschickter verstand man dort zunächst, dem Arbeiter zu ver­bergen, wieviel mehr an Wert er schuf, als er erhielt.

Was aber bei einer Übersiedlung dem Arbeiter verlorenging, weil die Möglichkeit fehlte, durch zusätzliche Arbeit der Frau und der Kinder im Garten und bei Kleinviehhaltung das Leben etwas zu verbessern, das ließ sich erst berechnen, wenn der Tisch in der Stadt noch armseliger bestellt war als in der Dorfkate. Dennoch, der scharfe Kontrast zwischen arm und reich, zwischen gut bezahlter Tätigkeit und schlecht entlohnter Arbeit blieb für viele in unpersönlicher Verschwommenheit mehr geahnt als erkannt.

* Uber die Dividende der Aktionäre wußten die meisten Arbeiter kaum Näheres. Das Leben der Industriellen spielte sich nicht vor ihren Augen ab. Der Abstand zu ihnen war weiter leerer als der Weg zwischen Inst- haus oder Stallkammer und Großbauernhof. Der Schloßpark, zum min­desten die erleuchteten Fenster der Herrenhäuser, die vollen Scheunen und die reich besetzten Viehställe waren jedem Dorfbewohner, wenn nicht durch Augenschein, dann doch durch Erzählungen Bedienter, wohlbekannt. Gar zu kraß ließ der Anblick des Wohllebens die Armen in den Hütten ihre ganze quälende Bedrängnis fühlen.

Der Zug zur Stadt wurde übermächtig.

1905 hatte Wittenberge 18 501 Einwohner,

1909 schon 20 464.

Zwar zogen auch Fachkräfte aus der Fremde zu, die meisten Arbeiter jedoch kamen vom Lande.

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