Heft 
(1958) 6
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seine letzte Ruhestätte gefunden hat, und daß es Gott gefallen hätte, den Königlichen Reservelokomotivführer Z zu sich zu rufen.

An diesem absichtsvoll erzeugten und mehr als ein Jahrhundert immer raffinierter gezüchteten Zwiespalt hat die Arbeiterschaft bis zur Beseiti­gung aller Klassenprivilegien gelitten und mit den Resten der einge­fressenen Anschauungen, die das Begreifen so erschweren, bis auf den heutigen Tag zu kämpfen.

Die wachsende Bedeutung Wittenberges als Eisenbahnknotenpunkt wirkte ganz offensichtlich auf die Lebensgestaltung vieler Facharbeiter günstig. Gleichzeitig aber forderte das Klasseninteresse von den ehemaligen Kol­legen derer, die dieser bevorzugten Schicht angehörten, tiefere Einsicht für den notwendigen verstärkten Kampf ums Brot und ums Recht der Arbeiter in den kleinen Privatbetrieben, vor allem aber in den großen Fabriken der Kapitalisten.

Es gibt eine ganze Anzahl Namen, die noch heute bei den alten Arbeitern in Wittenberge guten Klang haben, weil sie Erinnerungen an Taten wecken, die der damaligen Arbeiterbewegung Ehre machen. In einer Reihe anderer war Genosse August Zander einer, der nicht vergessen werden darf. Sein Leben und das seiner Angehörigen ist ein getreues Abbild des Daseins proletarischer Familien. Die Sorge ums tägliche Brot wurde von Mann und Frau gemeinsam getragen. Vier Kinder streckten die Hände nach Essen aus. Brot allein aber konnte sie nicht fürs Leben kräftigen. Bei achtzehn Mark Wochen verdienst des Haupternährers mehr gab es für einen ungelernten Arbeiter nicht im Kleinbetrieb arbeitete Frau Zander mit. Wo sich nur eine Gelegenheit bot, suchte sie Beschäftigung und half durch Waschen und Verrichten von Hausarbeit in fremder Wirt­schaft, um die dringend erforderlichen Geldmittel zu beschaffen, ihre Kinder satt zu machen. Ein Stückchen Land wurde nach Feierabend und sonntags gemeinsam bearbeitet, damit Kartoffeln und Gemüse vom schma­len Lohn nicht auch noch einen Teil beanspruchten. Obgleich das Maß an Arbeit zum überlaufen voll war, blieb August Zander Zeit und Kraft zum Nachdenken über die Zusammenhänge des täglichen Lebens. Die Wider­sprüche, auf die er im Betrieb bei Arbeits- und Lohnverteilung stieß, die auch seine Frau in fremden Familien beobachtete, bildeten einen Teil des Gesprächsstoffs und bestätigten, was Zeitungen und Schriften der Sozial­demokraten immer wieder als Zeichen der kapitalistischen Entwicklung ihren Lesern vor Augen führten.

Als er 1900 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und auch der Ge­werkschaft wurde, sah er seinen Weg noch nicht klar voraus, wußte nicht, daß ihn nach langjähriger Bewährung seine Freunde und Genossen als einen der ersten Arbeitervertreter zum Stadtverordneten wählen würden. Die ganzen schweren Zeiten hindurch hielten sie eng zusammen, August Zander, Wilhelm Lewenich, Richard Lademann, Fritz Jürgens und ihre

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