Heft 
(1897) 12
Seite
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Darjeeling, eine ostindische Aesundljeitsstation.

gezipselte Narrenkappe aufgestülpt, von deren Spitze eine Pfauenfeder nickt, eine wüste Garnitur von Pakhaaren vor die Stirn gebunden und durch Einflechten von weißen Schnüren in seinen Zopf, sowie durch den Eberzahnbesatz seines Bettelsackes seine Erscheinung zu einer möglichst un­gewöhnlichen gemacht.

Daß dies Trompeten ganz einträglich ist, sieht man wohl daraus, daß sich die frommen Bettler einen Helfer zugelegt haben, um die Spenden zu bergen: ein verdächtig ausfehendes Individuum mit tief über das eine Auge ge­zogener Kappe, die er sehr sinnreich in dieser Lage mittels feines langen Zopfes festgebunden hat.

Hiermit sind jedoch die musikalischen Genüsse dieses Marktes noch nicht erschöpft. Zum stillen Ingrimm manches Anglo-Jndiers aus der guten alten Zeit zieht da eine italienische Küustlerbande herum und zerstört durch ihre bettelnde Janitscharenmusik den Nimbus der reichen und mächtigen herrschenden weißen Rasse; allerdings wird zumal der eine Virtuos den staunenden Bhutias Respekt einflößen, denn er bearbeitet nicht nur mit den Ellbogen Pauke und Becken, schlügt gleichzeitig den Triangel und bläst die Trom­pete, sondern sucht durch einen Schellenbaum auf dem Kopf und ein rasselndes Tamburin an den Fußgelenken den Eingeborenen einen Begriff zu geben, welcher Ver­vollkommnung ihre Musik in Zukunft noch durch den Sahib"*) entgegengeführt werden kann. Klüglich ver­schmähe!: diese Söhne Italiens alle nicht metallisch klingen­de!: Anerkennungen der Marktbesucher und lassen in der Erinnerung au dasnon oletT ihres klassischen Lands­manns Vespasian eine Scheidemünze um die andre unter dem neapolitanischen Dudelsack verschwinden.

Vermöge,: auch die überall verlockend aufgebauten zier­liche!: Süßigkeiten der Zuckerbäcker, die knusperigen bunten Scheiben und Stengel und Zäpfchen und dünnschaligen, glasierten Kugeln den Appetit des Europäers wegen ihres spezifisch indischen Dustes ebensowenig zu reizen wie die ii: geklärter Butter gesottenen Pfannkuchen, so erinuern sie doch an die Rechte des Magens. Also heim an die Tisfintafel!

*) Europäer, Gebieter.

Frau aus Sikkim.

. XIV.

MM»

Postbote.

Freilich kommt man nur langsam vorwärts; überall stößt der Blick aus fragwürdiges Neues. Was mag nur der Hindu dort in seinem Guckkasten für Herrlichkeiten zeigen? Nach dem gespannten Aushorche:: der fleißig hiueinschauenden Leute muß es etwas ganz besonders Interessantes sein, was der näselnde Gesang des Besitzers erläutert. Ehrerbietig oder scheu weichen die Halbwilden vor uns zurück was erblicke,: wir? Sarah Bernhards vergilbtes Photogramm und einige nicht minder verschossene Bilder von Pariser Balleteusen und sonstigen deautos äu jour! Sb der Be­sitzer des Guckkastens, der seine Kostbarkeit sicherlich auf der Auktion irgend eines europäische!: Mobiliars ergattert hat, nicht gar eine dieser schönen Damen als Kaiserin von Rußland anpreist? Das Wörtleinru88" erweckt nämlich hier immer auffallende Neugier und erscheint ziemlich oft in seiner Litanei vielleicht weil für die meisten Indier alles, was nicht englisch ist, fürrussisch" gilt.

Wie die struppigen Bhutiakinder sich dort gegenseitig die unerwünschten Einwohner von den Köpfe,: suchen, und wie die garstige Mutterhexe dein unsaubersten Töchterchen keifend mit einen: gespaltenen Bambusrohrbesen bald um die Ohren schlügt und bald durch die dick verfilzte,: Haare fegt! Uns thun die Haare weh bei dem Anblick.

Nicht fern davon hocken einige Schuster und halten die reparaturbedürftigen Pantoffeln beim Nähen mit ihren Zehen so fest wie mit Klammern; viele beschuhte Füße sind überhaupt nicht zu sehen, und die Bhutias und Tibe­taner flicken sich ihre Jilzstrumpsschuhe selbst.

Weiterhin erhandelt ein bl:i8ti,*) das zum Bersten gefüllte Ochsenfell ans dem tief gebeugte,: Rücken, einen europäischen Regenschirm; er zahlt noch nicht zwei Rupien für das billige und schlechte Gerät.

Eine Gasse führt längs der Moschee zu den Tischler­werkstätten der Chinesenkolonie, denn auch hier verderben die bezopften Wachsgesichter aus dem Himmlischei: Reiche durch unnötig billige Arbeit die üblichen Preise. Dort an der Mauer bietet sich eii: tragikomischer Anblick: auf zoll­hohen Schemelchen hocken da in langer Reihe die Opfer-

g Wasserträger.