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Ueöer Land und Meer.
mit einem schmerzlichen Ruse zu unterbrechen und dann mit der Hand an seine Zehe zu fahren, ungefähr gerade wie der brave Philoktet in der alten griechischen Tragödie, der ja auch an so einer Art von Zipperlein litt.
Dem Volke, das auf Nachrichten von dem siegreichen Heer wartete, predigte Furins Gallus jetzt mit mahnend beruhigender Stimme Mäßigung und Geduld zu; man solle nur von den zum frischen, fröhlichen Kampfe ausgezogenen Kriegern nicht zu viel verlangen; der Feind habe sich wohl, seiner angeborenen Feigheit gehorchend, vor den Römern zurückgezogen; aber man werde ihn schon in seinen entlegensten Schlupfwinkeln aufzufinden verstehen, und — aufgeschoben sei nicht ausgehoben. Eine Mahnung ließ sich aber Furins Gallus nicht nehmen, in jeder seiner Reden von neuem Zu betonen; wie Catos Schlußreim mit Karthago, so kam auch dieser Schlußreim immer wieder zum Vorschein und immer mit demselben Klatschersolge:
„Den Sieg, o ihr edeln und tapferen Bürger Roms," so pflegte er .laut über die Menge zu rufen, „den Sieg verdanken wir in erster und alleiniger Linie euren plebejischen Söhnen, den Kindern des Volkes, den Kriegern selbst, die dort ihr Leben in die Schanze schlagen, beileibe aber nicht den patrizischen Feldherren, die, wie jedermann weiß, weiter nichts sind als unnütze Dekorationsstücke, die hübsch hinter der Schlachtlinie Aufstellung zu nehmen pflegen, mit ihren Liktoren und anderm höchst überflüssigen und kostspieligen Waffengesindel, und sich aus ihrer sicheren Stellung das Schädelspalten mit Muße ansehen. Also, ihr edeln und tapferen Bürger Roms, wenn das Heer Zurückkommt und es sich um Lorbeerkränze handeln wird, richtet euch ein, daß jeder Krieger seinen Kranz erhalte! Die Konsuln und Feldherren werden sich schon selbst ihre Kränze winden!"
Da ein jeder von diesen edeln und tapferen Bürgern Roms einen Sohn oder Neffen oder Vetter oder Freund im Heere zählte, so waren sie alle natürlich mit des Tribunen Vorschlag einverstanden, und so mußten die Frauen und Mädchen gleich zum voraus sich ans Kränzewinden machen, damit ja nicht ein einziger von den Kriegern bei der herrlichen Siegesbescherung leer ausgehe.
Da — es war am Abend des vierten Tages, als gerade alles auf dem Forum versammelt war und Furins Gallus wieder eine seiner volltönenden Reden losgelaffen hatte — da ertönte plötzlich Hufschlag von dem Thor her, und da sah man einen staub- und blutbedeckten Reiter heransprengen.
„Ein Bote! Ein Bote! Ein Sieger!" ries es jauchzend aus tausend Kehlen, — aber im selben Augenblick verstummte auch der Ruf wieder, und eine unheimliche Stille lagerte sich über das Forum, als man sich diesen Siegesboten aus der Nähe betrachten konnte. Er hatte sein Roß gerade vor dem Karren des Gallus zum Stehen gebracht; seine Lippen zitterten, als wolle er sprechen, aber keinen Laut brachte er hervor, und starr und mit einem Ausdruck bangen Entsetzens schweifte sein Blick über die Menge.
Endlich löste sich seine Zunge, aber gleich bei seinen ersten Worten brach ein Sturm aus der Volksmenge los, daß man hätte glauben können, der Himmel werde einstürzen.
„Verloren!" stammelte der Bote, „geschlagen! Der Konsul tot, das Heer vernichtet! Auf den Fersen folgt mir der Feind!"
Verloren? Geschlagen? Vernichtet? Mit einem Satze hatte sich Furins Gallus von seinem Karren zur Erde geschwungen, gerade als ob er niemals das Zipperlein gekannt Hütte, und auf den Unglücksboten sprang er nun los wie ein wilder Löwe.
„So spricht nur ein Verräter! Nieder mit ihm!" Und er faßte das Roß am Zügel. „Wie konntest du fliehen, wo die andern sich schlagen, Elender?"
Der Bote aber erhob flehend die Arme:
„Ich sage die Wahrheit! Nur diesem Pferde, dem Rosse des toten Sempronius, verdanke ich mein Heil! Ich habe gefachten, wie die andern! Wie Helden sind sie gefallen! Glaubt meinen Worten und schließt die Thore, sonst stürmen die Feinde bis zu euern Tempeln herein!"
Und richtig! Vom Walle her ertönte es wie schriller Posaunenton, das Zeichen der größten Gefahr, und von weitem drang auch schon ein dumpfes Getöse herein, als stürme ein ganzes Volk gegen die Wälle.
Ein Glück war es für die ehrbaren Forumsrömer, daß der in Rom verbliebene zweite Konsul, obwohl er weiter nichts als auch so ein überflüssiger Patrizier war, Wachen auf den Mauern ausgestellt hatte, und daß jene Männer dort nicht vor lauter Siegesgewißheit, wie Furius Gallus, die notwendigsten Sicherheitsmaßregeln vergaßen; denn als der Feind nun herangesprengt kam, da fand er die Thore verschlossen, und von den Wällen starrten ihm Lanzen und Schwerter entgegen.
Auch der wackere Furius Gallus war mit seinen Getreuen zu den Mauern geeilt, und unterwegs mußte nun der Bote alles genau erzählen, und er erzählte, was er wußte: Die Krieger, die hätten sich alle, alle tapfer geschlagen — aber die Feldherren, die wußten nicht einmal, daß die feindliche Reiterei hinter dem Hügel lag — und während der Konsul sich dort oben nicht rührte, da -- ja! was nutzte da alles Heldentum? Der Feind stürzte in unsre Flanke und hieb alles nieder, rechts und links! Da aber habe einer gezeigt, was ein Römer zu thun hat, einer schwang sich aufs Roß — auf dieses selbe Roß, das einst den Feldherrn trug — der Feldherr, der war aber weggelaufen! Und der eine sprengte nun gegen den Feind mit wildem Kampfesruf! Und der eine, der war Calpurnicus Tuba, der wackere, der brave, der heldenmütige Tuba! Rückzug sollte er auf seiner Posaune blasen, da warf er die Posaune weg und sprengte gegen den Feind, der echte Römersohn! Der arme Held! Denn, o ihr allmächtigen Götter! ein Stein warf ihn vom Pferde, und mit zerschmettertem Schädel blieb er liegen, und nun war alles verloren, denn wo der Führer fällt, da fällt das Volk!
„Ha," rief da Furius Gallus, „habt ihr gehört?