Heft 
(1897) 12
Seite
287
Einzelbild herunterladen

Huöa, der Keld.

287

Habe ich nicht immer recht gehabt? Die Krieger waren alle Helden, und von den Feldherren wurden sie verraten! Und der größte Held von allen war Tuba! O Tuba! Warum bist du tot? Dich hätten wir jetzt zum Konsul ausgerufen, und du würdest Rom retten! Jetzt müssen wir Nom ohne dich retten!"

Sie retteten auch Rom ohne den guten Tuba, wie es eben ging. Der zweite Konsul mußte alles unterschreiben, was jene draußen vor den Thoren verlangten, und alles, was sie haben wollten, mußte er ihnen geben, Gold und Geschmeide, und auch ein Stück Land dazu, doppelt so groß als dasjenige, das die Römer ihnen abzunehmen ausgezogen waren.

Sogar ein Stück von unserm Lande abzutreten weigert sich dieser elende Konsul nicht!" wütete aber Furius Gallus aus dem Forum,ein Stück von unserm heiligen Land! Der Verräter!"

Und dachte gar nicht darüber nach, daß sie's ja gerade ebenso zu machen gedachten, wenn eben der andre Konsul nicht auch ein Verräter gewesen wäre.

Als der Feind endlich mit seiner Beute abzog, da höhnten ihm die wackeren Forumsrömer von ihren sicheren Mauerzinnen nach, und dann jubelte alles, daß man endlich befreit sei und wieder anf- atmen könne.

Nur eine ließ sich von diesem Jubel nicht mit­reißen, und das war des guten Tuba alte Mutter. Das Volk hatte ihr Lorbeerkränze über die Thür­pfosten gehängt, weil ihr Sohn ein Held gewesen war. lieber Nacht riß sie aber die Kränze wieder ab und fegte die Streu in die Gosse, und als Gallus sie entrüstet darob zur Rede stellte und sie glücklich pries, die Mutter eines Helden Zu sein, der Rom errettet haben würde, wenn man ihn nicht eben tot­geschlagen hätte, da brach die alte Frau in Thränen aus, und ihm die Thür vor der Nase Znwerfend, rief sie schluchzend:

Was habe ich davon, daß mein Kind ein Held gewesen, wenn mein Kind tot ist?"

Vor der Thür aber blieb Furius Gallus wie versteinert stehen, erhob dann Angen und Hände zum Sternenhimmel und rief wehklagend aus:

O Rom! o Römer! O du entartete römische Mutter!"

Sein Zipperlein schmerzte ihn schon längst nicht inehr.

In dem entlegenen Bergneste, wo Tuba und seine Genossen Unterkunft gesunden hatten, wurde nichts versäumt, um das Städtchen und dessen gastfreundliche Bewohner mitsamt ihrem Hab und Gut vor der bei der Rückkehr des Feindes etwa drohen könnenden Gefahr sicherzustellen. Die wackeren Ausreißer, die sich in immer wachsender Zahl um Tuba geschart hatten und nun in ihm ihren natür­lichen Anführer erblickten, leisteten dabei ganz vor­treffliche Dienste. Es waren lauter brave Männer, wie Calpurnicus Tuba, die nur mit knapper Not dem Heldentode entgangen waren und nun ihre Schlachtenerinnerungen bis in die kleinsten Einzel­heiten zusammentrugen und nach und nach ein voll­ständiges, freilich etwas legendenhaftes Bild jenes unglücklichen und doch so heldenmütigen Tages anf-

slellten. Dem guten Tuba wurde es anfangs ganz schwül und schwindelig, wie er der Entwicklung dieses Bildes beiwohnte und allmählich entdeckte, welche ganz besondere Heldenthaten er in ur­eigner Person, sich selber unbewußt, dabei ver­richtet hatte; war er es doch selbst gewesen, wie sie alle hoch und heilig beteuerten, der den: an allen Gliedern zitternden Konsul das Schwert aus der Scheide gerissen und ihm zugerufen hatte: ,Voran, Konsul! Zum Angriff!' War er es doch selbst ge­wesen, der dann den zitternden und zagenden Sem- pronius ausgefordert hatte, mit den Liktoren und der Leibwache gegen die feindlichen Reiter loszugehen! Der gute Tuba erinnerte sich freilich all seiner Thaten nicht mehr und hatte sogar am Anfang mit bescheidener Bestimmtheit versucht, sich dieser Legende zu widersetzen; aber da die andern alle zusammen wie ein Mann erklärten, sie seien ja dabei ge­wesen, sie hätten's ja mit eignen Augen gesehen, mit eignen Ohren gehört, da mußte er sich, ob er's wollte oder nicht, von der Wahrheit seiner eignen Heldenthaten überzeugen und mußte daran glauben, obwohl er im Innersten seines Gewissens recht gut wußte, daß dies alles doch erfunden und er­logen war. Und dieweil er nun daran glaubte, ließ er sich's nicht nehmen, sich auch seinerseits noch andrer Einzelheiten zu erinnern und ganz merk­würdige Heldenthaten seiner braven Genossen Zu erzählen, zur großen Bewunderung der männlichen und weiblichen Bevölkerung und zur besonderen Er­bauung des alten Jupiterpriesters.

Dieser bedächtige Mann war es, der besonders darauf drang, daß man vor allem dafür sorge, daß, falls der Feind durch diese Gegend Zurück'kehren sollte, Hab und Gut dieser Stadtbewohner in Sicher­heit gebracht würde; denn das konnte sich doch jeder an den Fingern abzählen, entdeckten die Feinde das Städtchen, so war an eine Verteidigung nicht zu denken! Was hätte da alles Heldentum genützt? Einigen braven Leuten würde es das Leben kosten, der Feind würde mitschleppeu, was mitzuschleppen war, und den Ueberlebenden verbliebe nichts als die sichere Aussicht auf einen erbärmlichen Hungertod. Da war es doch weit vernünftiger, beizeiten die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um dieser Gefahr vorzubeugen, und da man gerade den wackeren Tuba und seine Kriegsgenossen hier hatte, so konnte man ja diese Vorkehrungen recht gründlich treffen.

So wurde alles bewegliche Gut noch weiter in ganz unwegsame Bergesschluchten geschleppt, das Vieh weit, weit weg auf verlorene Bergeshalden getrieben, von wo dessen Gebrüll nicht bis zu des Feindes Ohren gelangen konnte, und allen Stadt­bewohnern aufs dringlichste eingeschärft, beim ersten Anzeichen sofort zu fliehen und dem Feinde nichts als die nackten Mauern zu hinterlassen.

Um jeder Ueberraschung aus dem Wege zu gehen, wurden von dem wackeren Tuba auf allen Anhöhen rings umher Wachen aufgestellt und jedem dieser Männer als heiligste Pflicht auferlegt, sowie in der weitesten Ferne ein Waffenblinken ausblitzen sollte, sofort in schnellstem Laufe znrückzueilen, worauf

*