Heft 
(1897) 12
Seite
290
Einzelbild herunterladen

290

Weber Land und Weer.

mit seiner Posaune, auf der er von Zeit zu Zeit lustige Fanfaren blies, und unterwegs erzählten sich die Heldengenossen einmütig immer dichter in ihre Heldenlegends hinein, damit ja nichts davon ver­dufte oder vergessen werde, und damit sie sich alle in der Siebenhügelstadt als echte, wahre Helden einsührten.

Dem ehrlichen Tuba war es freilich Zuweilen recht sonderbar zu Mute dabei, und abends, wenn er den Schlaf suchte, da mahnte ihn immer und immer wieder sein kleines Gewissensstimmchen in seinem bescheiden eindringlichen Flüsterton, daß ja dies alles doch nur erlogen und daß er eigentlich ein ganz schlechter Kerl sei, der immerwährend Ge­schichten erzählte, von denen er genau wußte, daß sie nicht wahr seien, und an die er doch nicht ein­mal halb und halb glauben konnte! Dann wälzte sich der geplagte Tuba auf seinem Lager hin und her und sagte zu sich selber:

Es ist ja richtig! Wahr sind alle diese Ge­schichten nicht, aber wahr müssen sie ja dennoch sein!" Und fügte seufzend im Halbschlaf hinzu:Man hat's nicht leicht, ein Held gewesen zu sein, wenn man doch nur zur Korbflechterei geboren ward!"

Der edle Marcus Sempronins war aber nicht j tot, bloß verschwunden und halb verschollen. Dem armen Feldherrn war es während jenes Schlacht­tages recht schlimm ergangen; nicht nur, daß er mit ansehen mußte, wie seine Krieger dem Feinde wie eine Herde Hasen den Rücken kehrten, er wurde noch von diesen Ausreißern beschimpft und verhöhnt, und so völlig hatte das Gesindel den Kops verloren, daß ! einer dem Feldherrn mit dem blanken Schwert in ! der Hand entgegentrat und ihm mit wuchtigem Hieb j ein Ohr abhieb; und wie Sempronins sich nun gegen seine eignen Leute zur Wehr setzte, da saßen ihm auch schon die feindlichen Reiter im Nacken, und ehe er sich's versah, lag er mit einem entzwei­geschlagenen Bein, einer lahmgehackten Hand und einem Lanzenstich im Auge besinnungslos im Gras. So fand ihn der Nachtrab der siegreichen Feinde. Mit Jubelgeschrei schleppten die Reiter den ge­fangenen Feldherrn in ihr Lager. Aber was konnte man mit diesem zum Krüppel geschlagenen Menschen anfangend Nicht einmal als Geisel war er mehr ^ Zu gebrauchen, und so ließ man ihn nach einigen ^ Tagen mit einem Stück Brot, einer Krücke und einer Binde über dem wunden Kopfe lausen, wohin er laufen wollte.

So schleppte sich der Feldherr Sempronins über Berge und Thüler langsam gen Rom zu, von Wurzeln und Beeren kümmerlich sein Leben fristend und in der Nacht von gierigen Raubtieren umlauert, die nur der Stunde warteten, wo sie über den Er­schöpften herfallen könnten.

Zwei Tage, nachdem der brave Tuba mit seiner Schar Auserlesener unter Posaunenblasen in Rom eingezogen war, kam auch Sempronins an die Thore der ewigen Stadt. Keiner erkannte in dem zer­lumpten Bettler den früheren Feldherrn. Mitleidige

Weiber reichten ihm Brot und Wein, und er setzte sich auf den steinernen Thürpsosten, um sich zu erholen.

Da hörte er von ferne, vom Forum her, Jnbel- rufe und Posaunentöne.

Was ist dies?" fragte er erstaunt, denn es kam ihm seltsam vor, daß die Römer Feste feierten, nachdem sie kaum dem Feinde entronnen waren.

Komm mit, Fremdling!" antwortete ihm ein des Weges gehender Bürger,und dn wirst sehen, wie Rom seine Helden zu feiern versteht, und wie es denjenigen dankt, die tapfer gestritten haben, während die andern, die elenden Feldherren, zum Rückzug blasen lassen wollten und mit dem Schwert in der Scheide vom Feinde erschlagen wurden wie lahme Hunde!"

So?" sagte Sempronins, und über seinen Mundwinkel legte sich wieder jener seltsame Aus­druck, und seine Stimme nahm jenen eigentümlichen Ton an, aus welchem niemand klug zu werden ver­mochte, ob es ernsthaft oder ironisch gemeint sei. So? Die Feldherren wurden erschlagen wie lahme Hunde? Die andern aber haben wacker gesuchten?"

Ja!" erwiderte der Bürger,und den Tapfersten von allen haben wir heute zum ersten Konsul er­wählt einen Helden sondergleichen und es ist einer aus dem Volk und der wird uns zum Siege führen, obwohl er bis jetzt nur ein gewöhn­licher Korbflechter war!"

Kann aus einem gewöhnlichen Korbflechter bei euch so über Nacht und mir nichts dir nichts ein guter Konsul gemacht werden?" fragte ruhig der Bettler.

Beim Jupiter, ja! Wenn er Tuba heißt!"

Sempronins blieb bei diesem Namen wie an­gewurzelt stehen und mußte sich auf seine Krücke stützen, um nicht zu wanken. Tuba? ein Held? Tuba? Konsul?

Der andre mochte wohl glauben, daß den hinken­den Bettler sein lahmes Bein schmerze.

Stütze dich auf mich, armer Mann! Ich führe dich zum Forum; dort wirst du ein erhabenes Schau­spiel genießen!"

Erhaben war auch wahrlich das Schauspiel, das sich dort den erstaunten Blicken des Sempronins darbot.

Inmitten des Forums, umringt von helm­behaupteten Kriegern, saß auf hohem Roß, mit einem Purpurmantel über den Schultern und einem Lorbeerkranz auf dem Kops, Tuba, der Korbflechter, und vor ihm stand Furius Gallus und hielt eine Anrede an ihn und an das Volk, in der nur von Heldentum die Rede war. Tuba aber ließ alle diese schönen Worte ruhig und gelassen über sich ergehen, gerade als wäre das Lob seines Heldentums die reinste Wahrheit, und winkte zuweilen Beifall zu, während seine Hand die Mähne seines Rosses streichelte.

Das Roß aber Sempronins mußte sich zu­sammennehmen, um nicht laut auszuschreien, als er es näher ins Auge faßte, jenes schwarze Roß mit dem weißen Flecken auf der Stirn, es war ja sein eignes Roß gewesen, und nur ein einzigmal hatte sich ein andrer ans seinen Rücken geschwungen, und jener andre war eben dieser Tuba gewesen, und um vor dem Feinde zu fliehen, hatte er es