Huöa, der Keld.
291
bestiegen! Und jetzt? — Es war, als fühle das ! brave Tier, daß sein Reiter eigentlich anderswo hingehörte als auf seinen Rücken, denn bis zur Erde ließ es den Kopf herunterhängen, und ob Tuba es auch noch so sehr mit Zügelzerren bearbeitete, der Kopf blieb hängen, bleischwer, gerade als schäme sich das Roß seines Reiters.
„Ei, ei!" murmelte Sempronius vor sich hin; „dieser Konsul scheint ja ein echter Held zu sein! Den muß ich mir aus der Nähe betrachten."
Und langsam durch das Volk sich drängend, hinkte der lahme Feldherr zum Konsul hin, während alles den tönenden Worten des Volkstribunen lauschte. Mau ließ den Bettler ungehindert durch. Keiner von den Kriegern erkannte in ihm den Feldherrn unter seinen: verbundenen Kopfe; er aber erkannte in ihnen all die Braven wieder, die er Memmen und Feiglinge gescholten hatte; nur wunderte er sich, daß er sie alle lorbeerbekränzt wieder traf.
Als er nun ganz nahe neben dem Rosse stand, da war es stärker als sein Wille und seine Vernunft, und das brave Tier, das damals unter all diesen Helden das einzige Heldentier gewesen war, streichelte er sanft mit der Hand, und leise flüsterte er ihm ein paar Worte ins Ohr, — und siehe, da erhob das Tier den Kopf und schaute sich wie fragend um, und es war, als flöge ein Blitzen durch sein kluges Auge, und dann hob es den Kopf noch weiter in die Höhe und stieß ein langes, fröhliches, Helles Wiehern in die Luft, mitten in des Volkstribunen Rede hinein.
Unter seinem Lorbeerkranz schreckte Tuba bei diesem Wieheru zusammen; das Wiehern klang ihm wieder wie damals ins Ohr, wie ein höhnisches Lachen, aber diesmal mit einem so seltsam triumphierenden Ton dabei! Und wie er wieder am Zaume zerrte, um das Roß zum Schweigen zu bringen, da fiel sein Blick auf den Bettler, und da bebte er plötzlich am ganzen Leibe zusammen und seine Hände begannen zu Zittern, und aus seinen kreideweißen Lippen rang sich plötzlich ein Aufschrei hervor:
„Sempronius!"
Sempronius? Der Feldherr? Der Verräter? Was war's mit dem? Was wollte Tuba mit diesem Namen?
Wie schlaftrunken erhob Tuba den Arm, und auf den Bettler deutend, rief er:
„Sempronius! Du hier?"
Der Bettler aber erwiderte ruhig:
„Tuba! Und du hier?"
Wie ein Sturm entfesselte sich bei diesen Worten die Wut der Krieger. Er war es! Sempronius, der Verräter! Und bis zum Konsul wagte sich der Feigling, der Elende hin? Zu Tode! Zu Tode mit ihm! Man riß ihm die Binde von dem ausgestochenen Auge, und nun erkannte das ganze Volk den Elenden.
„Fort mit ihm! Er hat das Heer verraten! Zum Tode! Zum Tode!"
Und bis vor den Volkstribun schleppten sie den Armen und riefen dem Furius zu, er möge sofort das Todesurteil über ihn aussprechen.
Tuba schaute auf das Gewühl wie einer, der
in einem schweren Traum befangen ist. Ein wilder Kampf tobte in seinem Herzen. Mit einem gewaltigen Ruck hatte sein ehrliches Gewissen sich aufgeschwungen. Die ganze Legende, in die er sich hineingelebt hatte, wankte in ihren Grundfesten; denn hier, vor ihm, stand derjenige, der allein und besser als alle andern wußte, daß diese Legende nur eitel Lug und Trug war, und daß der Elende, der Feigling nicht Sempronius, sondern Tuba hieß!
Er wollte vom Pferde springen, sich zu Sempronius' Füßen werfen, ihn um Verzeihung anflehen, aber wie? Durfte er es denn? Und was würde dann aus ihn: selber, wenn er es thäte? In der Legende lag er ja wie in einem Netz gefangen, und mochte er zerren und zappeln, aus diesen Maschen konnte ihn nichts mehr befreien.
Wie im Traume hörte und sah er, wie Furius Gallus zum wutschnaubenden Volke rief, den Tod habe der Verräter verdient, den Tod solle er hier erleiden, der Konsul selber solle das Urteil fällen, vor den Konsul solle man ihn führen.
Und schon stand vor ihm der arme Sempronius, von wilden, mordberauschten Kriegern umringt, und zu Tuba riefen sie hinauf:
„Fälle das Urteil, Konsul Tuba! Zu Tode! Zu Tode!"
Als der Lärm aber einen Augenblick verstummte, da hörte Tuba, wie der Feldherr in seinem ruhigen Tone Zu ihm sagte:
„O Held Tuba! So fälle doch das Todesurteil über den feigen Sempronius!"
Tuba hatte bei diesen Worten das Haupt auf die Brust sinken lassen. Seine Augen schlossen sich, seine Hand hing wie gelähmt herunter. Lauter als das Geheul des Volkes tobten in seinem Herzen die beiden Stimmen: ,Sei ehrlich!' flüsterte die eine; ,sei vernünftig!' lispelte die andre. Welche hatte nun recht, und welcher sollte der arme, lorbeerbekränzte Korbflechter gehorchen?
Da kam ihm plötzlich ein Einfall.
Tuba, der Konsul, reckte sich in den Bügeln empor und sprach dann; welch seltsam sanfter Ton lag aber in feiner Rede:
„O, ihr edeln Bürger!" so sprach Tuba, der Konsul; „nicht ziemt es uns, in dieser Stunde nur der Rache, der gerechten Strafe zu gedenken! Zeigen wir, daß wir echte Römer sind! Und seien wir hochherzig und edelmütig! Nicht dem Tode, den er verdient, sei dieser. . . frühere Feldherr verfallen, sondern der ewigen Verbannung! Daß er bis zum Ende feines Lebens in bitterem Schmerz über feine schwere That nachdenke! Unser Edelmut sei für ihn die höchste Strafe! Der morgige Tag sehe ihn nicht mehr in den heiligen Mauern Roms!"
So sprach Tuba, der Held; dem Feldherrn aber wagte er dabei nicht ins Auge zu schauen.
Seine Worte hatten die Herzen der Römer getroffen.
„Tuba, du bist der echteste aller echten Helden!" rief Furius Gallus in höchster Begeisterung aus; „Tuba, du bist der wahre Konsul! Tuba, du bist der geborene Staatsmann!"