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Jugendliche in der Epoche gesellschaftlicher Veränderungen : Problemwahrnehmung und -bewältigung bei jugendlichen Schülern in Potsdam und St. Petersburg / Hrsg.: Universität Potsdam, Institut für Psychologie, Professur Didaktik der Psychologie/Pädagogische Psychologie; Russische Staatliche Pädagogische Universität "A. I. Herzen" St. Petersburg, Psychologisch-Pädagogische Fakultät [Red.: Bärbel Kirsch ; Ludmilla Regusch]
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Das Ergebnis, vorgestellt in der Tabelle 4, kann man wie folgt interpretieren: am stärksten wird das Verhältnis zur Zukunft erlebt, dann alle Probleme mit dem Elternhaus und danach die Beziehungen mit Gleichaltrigen über alle Altersgruppen. Solche Lebensbereiche wie die Schule und das eigene Ich fixieren sich als wenig problematisch für die untersuchten Jugendlichen. Die Ursache der geringen Werte in diesen Gebieten kann damit nicht zusammenhängen, daß objektiv keine Probleme existieren, sondern daß sie entweder nicht erkannt werden oder daß sie erkannt, jedoch verdrängt werden.

Warum wird das Verhältnis zur Zukunft als ein Problem erlebt?

Die Ergebnisse der hohen Problembelastung im Bereich Zukunft über alle untersuchten Altersgruppen und die Wiederholung dieses Faktes in allen durchgeführten Untersuchungen stellte uns vor die Notwendigkeit einer tieferen Untersuchung seiner Ursachen: man analysierte die Besonderheiten des sozial-ökonomischen Lebens der Jugendlichen in St. Petersburg der 90er Jahre und man ging den psychologischen Inhalten der Zukunft auf den Grund.

In welchen sozial-ökonomischen Bedingungen verläuft die Sozialisation Jugendlicher, die in den 90er Jahren in Rußland, im Einzelnen in St. Petersburg, leben?

Sozial-ökonomische Bedingungen der Sozialisation von Jugendlichen 1. Die ökonomische Lage der Familie

Nach den Daten des staatlichen Komitees für Statistik hatten im Jahre 1994 22,4% der Bevölkerung Rußlands Einkünfte unterhalb des Lebensminimums, 1995 vergrößerte sich der Anteil auf 24,4%. Dabei werden in einer mittleren russischen Familie etwa 50% des Einkommens auf Lebensmittel und Getränke verwendet, etwa 30% auf den Kauf von Waren, die keine Lebensmittel sind, und etwa 15% für Dienstleistungen. Das restliche Geld wird für Valuta und Alkohol verwendet.

Viele Familien wurden mit dem Problem Arbeitslosigkeit konfrontiert. Im Juni 1993 ist nach Angaben des WZIOM(Zentrum für Meinungsforschung) in Rußland das allgemeine Niveau der Arbeitslosigkeit bei 6,2%(Journal Gesellschaft und Ökonomie 1995, Ausgabe 4, S. 95). In dieser Zeit waren in St. Petersburg 55,3 Tausend Menschen als Arbeitslose registriert, das ergibt einen Anteil von 2,2% der arbeitsfähigen Bevölkerung. Diese Zahlen erhöhen sich noch bedeutend durch diejenigen, die in Betrieben mit verdeckter Arbeitslosigkeit arbeiten. Gerade in dem betrachteten Zeitraum gibt es in St. Petersburg ausreichend viele solcher Betriebe.

Die Gründung einer Familie wird normalerweise durch das Eingehen einer Ehe begonnen. Im Mittel ist das mittlere Alter von Männern, die eine Ehe eingehen in Rußland 24,4 Jahre, bei Frauen 21,8. Viele ziehen es vor, keine gesetzliche Ehe einzugehen, was sich aus den mittleren Daten über die Anzahl unehelicher Kinder ergibt. Für das Jahr 1994 war der Anteil dieser Kinder 19% von der Gesamtzahl aller Neugeborenen.

In St. Petersburg wurden 1993 39 546 Ehen geschlossen und es gab 28 688 Scheidungen. Der Höhepunkt der Ehescheidungen wird im Alter von 30 34 Jahren erreicht. In diesem Jahr war der prozentuale Anteil der Kinder, die unehelich geboren wurden, 21,7%. Bemerkenswert ist der Anstieg von Geburten bei Frauen unter 20 Jahren. Die Anzahl von Geburten bei Nichterwachsenen stieg um 11%. In dieser Kohorte der Bevölkerung ist die Sexualität oft nicht verbunden mit der Projektion auf Familie und das erste Kind kommt spontan, seine Geburt ist oft nicht geplant.

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