2. Die Persönlichkeit.
wiegend moralistischer Begabung. Schon in Leipzig, bei der ersten Bekanntschaft mit Schopenhauer tritt es hervor: Das vierte Buch der Welt als Wille und Vorstellung nimmt ihn ganz gefangen, alles andere ist nur Nebensache. Auch in den Baseler Jahren, als die Cultur-Phantasieen ihm die Hauptsache sind, läuft alles auf das Praktische hinaus, bis er später mit Bewusstsein reiner Moralist wird. Er hat sich ja auch mit theoretischen Untersuchungen eingelassen, aber wenn man seine Schriften prüft, so sieht man bald, dass seine theoretische Philosophie nicht nur viel weniger Raum’ einnimmt als die practische, sondern auch viel weniger Werth hat. Als Psycholog und Moralist ist Nietzsche fast immer geistvoll; auch da, wo man ihm widersprechen muss, ist an dem, was er sagt, irgend etwas Wahres, und trotz aller Einseitigkeit, trotz aller Widersprüche bleibt gewöhnlich ein brauchbarer Kern. So günstig kann man von Nietzsches theoretischer Philosophie nicht urtheilen. Seine Erkenntnisslehre ist, gerade heraus gesagt, confuses Zeug. Eins passt nicht zum Anderen, und nur das Bestreben, möglichst negativ zu sein, geht durch das Ganze, sodass, wenn irgend etwas herauskommt, es nur vollständiger Agnosticismus sein kann. Neben dieser karrikirten Skepsis steht eine Metaphysik, die an Naivetät ihres Gleichen nur bei den vorplatonischen Philosophen findet. Auch Die, die aus diesen oder jenen Gründen den Philosophen Nietzsche verehren, können unmöglich seine grossen Mängel übersehen. Aber andererseits müssen Die, bei denen die Kritik überwiegt, anerkennen, dass
Möbius, Werke V.