Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
36
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I. Der ursprüngliche Nietzsche.

Wurm frass ihm am Herzen, ein Mann wie er war nicht für dieNachtansicht gemacht. Nun wollte er der rechte Alleszermalmer werden, in Wahrheit aber spricht die Verzweiflung aus ihm. Sie trieb ihn um, bis er sich selbst ein kümmerliches Surrogat der Meta­physik zurecht machte, erst seinen Uebermenschen und, als er den satt hatte, die Lehre von der ewigen Wie­derkunft, die er wahrscheinlich auch wieder beseitigt hätte, wenn nicht die Krankheit dazwischen gekommen wäre. Ohne den Jammer der absoluten Physik ver­steht man Nietzsches trauriges Schicksal nicht.

Nach den Anlagen zu Kunst und Wissenschaft mögen die sogenannten Charaktereigenschaften be­sprochen werden. Das Moralische eines Menschen im engeren Sinne des Wortes erkennt man bekanntlich aus seinen Handlungen, nicht aus seinen Reden. In diesem Sinne war an Nietzsches Moralität nicht viel auszusetzen. Er hatte eben den Charakter von seinen Vorfahren geerbt und konnte gar nicht anders, als ihm gemäss handeln. So war er trotz aller grimmigen Reden in Wirklichkeit freundlich und theilnehmend, mitleidig und rücksichtvoll. Er bildete sich zwar ein, für die Verbrecher der Renaissancezeit zu schwärmen, oder that wenigstens so, thatsächlich aber wäre es ihm ebenso unmöglich gewesen, einen Anderen umzu­bringen, zu vergewaltigen, seines Gutes zu berauben, wie zu fliegen. Ziegler(Friedrich Nietzsche, Berlin 1900, p. 164) sagt Folgendes:Ob er persönlich grau­sam war, weiss ich nicht; seine Freunde und Freun­dinnen rühmen seine Weichheit, sein höfliches und