Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
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2. Die Persönlichkeit.

rücksichtsvolles Benehmen im Verkehr mit anderen. Das beweist natürlich nicht, was es beweisen soll: Dieses rücksichtsvolle und formal höfliche Wesen ge­hört zu der Pose des vornehmen Mannes, für den er gelten wollte; eher liessen sich für ein weicheres Em­pfinden und für ein Herz voll Mitleid Stellen aus dem Zarathustra anführen. Aber ob nicht vielleicht doch ein von Natur Grausames in ihm gewesen ist, das er in gesunden Tagen zurückgedrängt und gebändigt hat, das aber durch seine Krankheit wenigstens phantasie­mässig ins Perverse ausgeartet ist, das wäre doch zu fragen; es zu entscheiden, ist aber vielmehr Sache des Psychiaters, nicht die meinige. Ich meine so: Ein gewisser Grad von Grausamkeit gehört zum normalen Menschen, denn dieser ist von Hause aus ein gewalt­thätiges, höchst gefährliches Thier. Vollkommenes Fehlen von Grausamkeit ergiebt eine Weichheit, die abnorm ist. Nietzsche hatte sicher eher zu wenig als zu viel gegenüber dem Normalquantum der Grausam­keit. Das Wenige, was er hatte, verbrauchte er als Schriftsteller in der Polemik. Dass seine Verherrlichung der Kraftmenschen, des Raubthiers im Menschen, der blonden Bestie und so weiter, auf eigene Grausamkeit deute, glaube ich ganz und gar nicht. Im Gegentheile, er pries, was ihm fehlte, wie zum Beispiele auch C. F. Meyer die Gewaltmenschen verherrlichte und das Gegentheil davon war. Dass er dabei übertrieb, oft geradezu in widerlicher Weise übertrieb, das lag einmal an seiner Neigung zum Superlativ überhaupt, zum anderen an dem Wunsche, die Leute aufzureizen,