Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
39
Einzelbild herunterladen

2. Die Persönlichkeit.

handene Bewusstsein kund, etwas Besonderes zu sein. Später zeigte er im persönlichen Verkehre seinen Stolz hauptsächlich durch ausgesuchte Höflichkeit, schriftlich aber wurde er manchmal deutlicher. So schreibt der junge Mensch an seinen Freund Deussen, der durch­aus nicht schroff gewesen zu sein scheint:Im Ernste, mein Freund, ich muss bitten, wenn Du von mir sprichst, mit etwas mehr Respect zu reden, und manch­mal behandelte er ihn noch gröber.') Mit den Jahren nahm natürlich das Bewusstsein der eigenen Bedeu­tung zu. Es wurde durch die ungerechte Vernach­lässigung, die seine späteren Schriften erfuhren, zu bedenklicher Höhe gesteigert, sodass es manchmal schwer zu sagen ist, ob es sich noch um überreiztes Selbstgefühl oder schon um paralytischen Grössen­wahn handelt. Eben deshalb muss ich später auf den Gegenstand zurückkommen, und ich verzichte deshalb hier auf Citate.

Der Schriftsteller kann seiner Natur nach auf Bei­fall nicht verzichten; man wird sich daher nicht wun­dern, bei einem Menschen wie Nietzsche, der durch

1) Als Nietzsche ihm seine Ernennung zum Professor in Basel angezeigt hatte, schrieb Deussen einen Glückwunschbrief und konnte dabei etwas Neid nicht unterdrücken. Daraufhin erhielt er eine Visitenkarte Nietzsches, auf der etwa folgende Worte standen: Werther Freund, wenn nicht etwa zufällige Stö­rungen Deines Kopfes Deinen letzten Brief verschuldet haben, so muss ich bitten, unsere Beziehung hiermit als abgeschlossen zu betrachten. Friedrich Nietzsche. Als Deussen sein Er­staunen ausdrückte, schickte ihm Nietzsche den Glückwunschbrief mit einem Commentar zurück, der ihn für ein Gemisch von Neid, Bornirtheit und Bauernstolz erklärte.