Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
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I. Der ursprüngliche Nietzsche.

und durch Schriftsteller war, ein reiches Maass von Beifallsliebe zu finden. Beifallsliebe und Stolz kommen leicht in Widerspruch, und überwiegt jene, so spricht man von Eitelkeit. Auch gebraucht man dieses Wort, wenn es sich um Stolz auf Nichtiges handelt. In beiden Hinsichten kann man Nietzsche eitel nennen, indessen ist damit nichts Schlimmes gesagt, denn wer wäre nicht ein wenig eitel?!) Bei Nietzsche befremdet nur deshalb manche an sich harmlose Aeusserung von Eitelkeit, weil sie zu seinem maasslosen Stolze nicht passt. So kokettirt er gelegentlich mit den aristokra­tischen Bekanntschaften, die ihm die Freundschaft mit Wagner verschafft hatte. So glaubt er noch als reifer Mann an das Märchen vom polnischen Grafen und lässt sich von irgend einem Schwindler ein Schrift­stück über lorigine de la famille seigneuriale de Niötzky aufbinden(Biographie I, p. 11). Besonders kennzeich­nend ist die für Brandes geschriebene Vita; allerdings war er damals schon paralytisch, aber es scheint, dass die Krankheit nur die Scham weggenommen hat. Ich komme später darauf zurück. Vielleicht wäre er in gesunden Tagen überhaupt weniger entgegenkommend gegen Brandes gewesen. Jedoch muss man sagen, dass jede Anerkennung ihm in seiner Lage willkommen sein musste. Ein beinahe verdursteter Mensch trinkt jedes Wasser, und wenn Einer durch lange Jahre con­sequent todtgeschwiegen worden ist, dann nimmt er

?) Etwas komisch wirkt es, wenn der vierundzwanzigjährige Nietzsche an Deussen schreibt:Ich bin schon viel zu alt, um eitel sein zu können, wie steht es mit Dir?