2. Die Persönlichkeit.
den Beifall, wo er ihn findet, in der Hoffnung, dass das lobende Wort die rechten Leute aufmerksam machen werde. Es war bei dem alternden Schopenhauer gerade so; auch dieser horchte auf jedwede Anerkennung, weil er sich sagte: wenn nur überhaupt geredet wird, so kommt das Weitere schon. Auch insofern gleicht Nietzsche Schopenhauer, als bei Beiden durch den Mangel an Beifall eine grenzenlose Verbitterung erzeugt wurde. Der schreiende Ton der späteren Schriften Nietzsches, seine immer wachsende Heftigkeit, seine Gier, Andersdenkende zu verletzen, seine Wuth gegen Deutschland, aus alledem spricht das ungestillte Verlangen nach Beifall, das durch die krankmachenden Einflüsse nicht hervorgerufen, sondern nur verzerrt worden ist.
Ich komme nun zu einem Charakterzuge, der das eigentlich Krankhafte in Nietzsches geistiger Constitution war. Es ist aber schwer, ein genügendes Wort zu finden. Vielleicht sagt man am besten: Maasslosigkeit, das heisst Mangel an Sophrosyne, Neigung zur Uebertreibung, zum Superlativ, zu Fanatismus. Als ich ein junger Mann war, im Herbste 1874 lernte ich zuerst Nietzsche kennen durch seine Schrift über Schopenhauer. Ich war ganz entzückt davon und bat meinen Vater, sie auch zu lesen. Als er mir das Heft zurückgab, sagte er nichts als:„Welch ein maassloser Mensch!“ Daran habe ich oft denken müssen, als ich mehr und mehr mit Nietzsches Werken vertraut wurde. Das erste ist natürlich eine leidenschaftliche Gemüthsart. In der That beginnt die Schwester die Schilderung des kind