Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
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I. Der ursprüngliche Nietzsche.

lichen Bruders mit folgenden Worten(Biographie I, pP. 27):Von seiner in den ersten sechs Lebensjahren plötzlich ausbrechenden Leidenschaftlichkeit ist auch mir erzählt worden, doch kann ich mich nicht persön­lich daran erinnern. Er fing nämlich schon sehr früh an, Selbstbeherrschung zu üben. Es scheint wirklich Nietzsche sehr früh und sehr gut gelungen zu sein, sich in den Zügeln zu halten. Aber das unterirdische Feuer war trotzdem da, und es bahnte sich später in zweierlei Art einen Weg, als Leidenschaft zur Arbeit (Schaffenslust, Schreibewuth) und als Leidenschaft im Urtheile(Ueberschwenglichkeit, superlativische Zu- und Abneigung). In seiner Thätigkeit konnte er sich keine Ruhe gönnen, es zwang ihn vorwärts, oft zu seinem eigenen Schaden. Die Ueberschwenglichkeit zeigte sich anfangs in der Begeisterung für fremde, später in der für die eigenen Ideen. Das Merkwürdige aber war, dass neben ihr ein ausserordentlich scharfes Kritik­vermögen herlief, und dass manchmal schon früh und dann vorübergehend, manchmal erst nach längerer Zeit und dann dauernd die Begeisterung von der kühlen Kritik überwältigt wurde. Da aber die Kritik das Fort­bestehen der Ueberschwenglichkeit nicht hindern konnte, so war das Ergebniss ein mehr oder weniger rascher Wechsel in der Auffassung; die Götter von gestern wurden heute je nachdem vernachlässigt oder miss­handelt. Am deutlichsten tritt dieses Verfahren in dem Verhältnisse zu Schopenhauer und zu Wagner hervor. Wäre die anfängliche Begeisterung für Beide später einem kühleren Urtheile und kritischem Verhalten ge­