2. Die Persönlichkeit.
wichen, so brauchte man sich nicht zu wundern, denn so ist es Vielen ergangen. Ueberdem war Nietzsche ein sehr junger Mann, als er begeistert war, und die Jugend ist„Trunkenheit ohne Wein.“ Das Auszeichnende bei Nietzsche jedoch ist, dass die Ueberschätzung über alle Grenzen hinausging, und dass der Umschlag ihn nicht zu ruhiger Kritik, sondern zu bitterer Feindschaft führte. Dass die Begeisterung echt war, kann man kaum bezweifeln, da dafür nicht nur die Schriften, sondern auch die Briefe und andere private Aeusserungen zeugen. Aber es kommt doch eine wunderliche Zwiespältigkeit zum Vorscheine. Er unterwirft Schopenhauers Hauptgedanken 1867 einer verneinenden Kritik und schreibt doch(I, p. 398), in Schopenhauer habe er keine Paradoxie, nur hier und da einen kleinen Irrthum gefunden. Er schreibt sich 1874 alles auf, was er später gegen Wagner sagt, und veröffentlicht doch 1876 die Wagner geradezu verhimmelnde vierte„unzeitgemässe“ Betrachtung. Ist das Selbsttäuschung? Wer mag es wissen!? Der Hauptgedanke seines Lebens war: wir brauchen eine neue Cultur, und nun verfällt er auf die Idee, Wagners Opern brächten diese neue Cultur. Begreiflicherweise muss er dabei aus dem armen Wagner ein übernatürliches Wesen machen, und als die Ernüchterung eintritt, muss dieser dafür büssen, dass er kein Gott ist. Der dionysische Held wird zum Jugendverführer, zum Repräsentanten der Decadence, und so weiter. Ganz ähnlich ist es mit Schopenhauer; erst soll er der Führer zu einer neuen Cultur sein, er wird gepriesen als heroischer