Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
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2. Die Persönlichkeit.

zu Jahr fanatischer, sodass das Urtheil von 1880 auf die späteren Schriften noch viel mehr passt als auf die älteren. Die Leidenschaftlichkeit führt zu einer ge­wissen Unbedenklichkeit. Nicht nur soll alles mög­lichst energisch ausgedrückt werden, wobei die feineren Unterscheidungen verloren gehen, sondern es werden auch die hypothetischen Urtheile in kategorische ver­wandelt,vielleicht wird bei Seite geschoben, es heisst ja oder nein. Dazu kommt die Ungeduld. Die Wahr­heit muss im Sprunge ergriffen werden. Weg mit De­finitionen und Beweisen, die blos für Philister gut sind; der Prophet verkündet die Wahrheit, er beweist sie nicht.Was habe ich mit Widerlegungen zu schaffen, sagt Nietzsche später. Natürlich entsteht dabei ein sprunghaftes Verfahren, die Gedanken werden nicht zu Ende gedacht, Hochmuth und Hast verhindern es, der Zusammenhang hört auf, und schliesslich müssen Ge­dankenfetzen genügen.*)

Wenn die wichtigsten Charakterzüge aufgezählt werden sollen, so dürfen die Beziehungen zu Freund­schaft und Liebe nicht fehlen. In Nietzsches Jugend spielt die Freundschaft eine grosse Rolle: als Schüler, als Student, als junger Professor, immer ist er in in­nigen Beziehungen zu Gleichalterigen oder auch Jünge­ren. Er braucht ihr Gespräch, und er schreibt viele Briefe an sie. Ohne Freundschaft sei das Leben nichts werth, sie gebe allem Guten erst die Würze. Im Briefe

1) Deussen sagt(I. c. p. 80): Nietzsche wareine im tief­sten Innern unruhige bestandlose Natur, welche es nicht ertrug, lange bei einer Sache zu bleiben.