2. Die Persönlichkeit.
zu Jahr fanatischer, sodass das Urtheil von 1880 auf die späteren Schriften noch viel mehr passt als auf die älteren. Die Leidenschaftlichkeit führt zu einer gewissen Unbedenklichkeit. Nicht nur soll alles möglichst energisch ausgedrückt werden, wobei die feineren Unterscheidungen verloren gehen, sondern es werden auch die hypothetischen Urtheile in kategorische verwandelt,„vielleicht“ wird bei Seite geschoben, es heisst ja oder nein. Dazu kommt die Ungeduld. Die Wahrheit muss im Sprunge ergriffen werden. Weg mit Definitionen und Beweisen, die blos für Philister gut sind; der Prophet verkündet die Wahrheit, er beweist sie nicht.„Was habe ich mit Widerlegungen zu schaffen,“ sagt Nietzsche später. Natürlich entsteht dabei ein sprunghaftes Verfahren, die Gedanken werden nicht zu Ende gedacht, Hochmuth und Hast verhindern es, der Zusammenhang hört auf, und schliesslich müssen Gedankenfetzen genügen.*)
Wenn die wichtigsten Charakterzüge aufgezählt werden sollen, so dürfen die Beziehungen zu Freundschaft und Liebe nicht fehlen. In Nietzsches Jugend spielt die Freundschaft eine grosse Rolle: als Schüler, als Student, als junger Professor, immer ist er in innigen Beziehungen zu Gleichalterigen oder auch Jüngeren. Er braucht ihr Gespräch, und er schreibt viele Briefe an sie. Ohne Freundschaft sei das Leben nichts werth, sie gebe allem Guten erst die Würze. Im Briefe
1) Deussen sagt(I. c. p. 80): Nietzsche war„eine im tiefsten Innern unruhige bestandlose Natur, welche es nicht ertrug, lange bei einer Sache zu bleiben“.