I. Der ursprüngliche Nietzsche.
an Rohde vom 7. Oktober 1896 steht ein Lob der Freundschaft:„Und so ist es mit der Liebe der Freunde: ohne Mahnung, ohne Rütteln in aller Stille fällt sie nieder und beglückt[sc. wie ein Apfel]. Sie begehrt nichts für sich und giebt alles von sich. Nun vergleiche die scheussliche gierige Geschlechtsliebe mit der Freundschaft!“(Briefe II. p. 168).
Es wird vielleicht Manche befremden, wenn ich sage, dass mir die Freundschaft immer ein Problem gewesen sei. Sie ist nämlich im physiologischen Sinne zwecklos. Natürlich versteht man, daß viele Menschen ein Bedürfniss nach Gespräch mit verständnissvollen anderen Menschen haben, weil sie durch das Aussprechen sich klarer werden und ihre Gedanken dabei wachsen, weil sonst die Langeweile zu gross würde. Man versteht auch, dass Leute, die durch einen gemeinsamen Zweck verknüpft sind, sich allmählich mehr und mehr an einander gewöhnen und ein Bedürfniss nach Zusammensein haben. Aber dort befremdet die zwischen Freunden bestehende Zärtlichkeit, die Werthschätzung nicht nur der geistigen Aeusserungen, sondern der Person selbst, hier handelt es sich um das, was man recht passend Pferdefreundschaft nennt. Ich glaube doch, dass zur eigentlichen Freundschaft, noch etwas gehöre, dass sie auf versetztem Geschlechtstriebe beruhe, eine Verbindung von diesem mit dem Verlangen nach geistigem Verkehre sei. Für diese Meinung sprechen manche Beobachtungen. Am deutlichsten ist die Sache bei den Mädchenfreundschaften: sie sind sozusagen Phantom-Uebungen und hören auf, wenn durch das