Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
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2. Die Persönlichkeit.

Erscheinen des Rechten das Gefühl in die rechte Bahn gelenkt wird. Bei Männern wird die Freundschaft um so mehr geschätzt, je untauglicher die Weiber zu gei­stigem Verkehre sind, sei es, dass der Einzelne be­sonders hohe Anforderungen macht, sei es, dass die Weiber durchschnittlich auf einer niedrigen Stufe stehen. Auch die Trennung der Geschlechter ist wichtig: im Alterthume war viel mehr von Freundschaft die Rede als jetzt. Der Trieb zur Freundschaft geht zeitlich neben dem Geschlechtstriebe. Wenn dieser erwacht, sind als Gegenstände der Zärtlichkeit in der Regel nur gleichgeschlechtige Menschen vorhanden. Freundschaft zwischen älteren Leuten ist recht selten, wenn man von conservirten Jugendfreundschaften und Interessen­gemeinschaften absieht, und so weiter, Bei Nietzsche treffen zusammen ein ausserordentlich starkes Aussprech­Bedürfniss, eine hohe geistige Entwickelung mit der Richtung auf Gegenstände, die für gemischte Gesell­schaft nicht taugen, und ein verhältnissmässig schwacher Geschlechtstrieb. Ist der letztere sehr stark, so ist auf die Dauer eine Täuschung kaum möglich, ist er aber schwach, so kann lange Zeit hindurch das Sehnen nach der innigen Gemeinschaft, das zunächst unver­standen bleibt, durch Freundschaft befriedigt werden. Man darf diese Dinge nicht mit der Verkehrung des Geschlechtstriebes verwechseln, denn eine bewusste geschlechtliche Erregung durch das gleiche Geschlecht ist nicht gemeint. Wohl kann auch der Verkehrung eine Zeit der Unklarheit vorausgehen, dann aber erregt das gleiche Geschlecht unzweifelhafte Gefühle, während