Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen

I. Der ursprüngliche Nietzsche.

das andere Geschlecht nur schwach oder gar nicht wirkt, ja nicht selten geradezu abgelehnt wird. Bei Freund­schaft mit unbewusstem geschlechtlichen Untergrunde aber ist im Bewusstsein gar nichts von Geschlechtlich­keit, ja der Gedanke daran würde Entrüstung hervor­rufen. Ich betone das deshalb, weil wiederholt bei Nietz­sche ein gewisser Grad von Verkehrung vermuthet wor­den ist, weil insbesondere seine innige Freundschaft mit einigen Schülern in Basel diese Meinung unterhalten hat. Soweit wie ich die Sache beurtheilen kann, ist die Vermuthung unberechtigt.') Man kann Nietzsches Empfinden nur insofern abnorm nennen, als die Wir­kung des anderen Geschlechtes auf ihn schwach war. Er empfand rein körperlich wohl ebenso wie andere Leute, aber es fehlte der starke seelische Trieb zum Weibe, der den gesunden Mann zur Hingabe an ein Weib zu nöthigen pflegt.?) Diese Freiheit von dem den Meisten gefährlichen Zauber verlieh ihm eine ge­

1) Erörterung über die Päderastie bei den Griechen:Doch ist das Idealisiren des Eros und das reinere und sehnsüchtigere Empfinden der Liebespassion bei den Griechen zuerst auf diesem Boden gewachsen und, wie mir scheint, von da aus auf die ge­schlechtliche Liebe erst übertragen worden,.. Dass die Griechen der älteren Zeit die Männererziehung auf jene Passion ge­gründet haben und, solange sie diese ältere Erziehung hatten, von der Geschlechtsliebe im Ganzen missgünstig gedacht haben, ist toll genug, scheint mir aber wahr zu sein(Brief an Rohde vom 21. Mai 1876, Briefe II p. 524).

Die Bemerkung scheint mir bedenklich zu sein(Homer'!), zeigt aber doch, dass Nietzsche kühl über diese Dinge nachgedacht hat.

2?) Brief an Rohde vom 18, Juli 1876. Glückwunsch zu

Rohdes Verlobung.Mir scheint das alles(Finden einer ver­trauenden Seele) nicht so nöthig seltne Tage ausgenommen