2. Die Persönlichkeit.|
wisse Unbefangenheit dem weiblichen Geschlechte gegenüber und befähigte ihn frühzeitig zu einem kalten und richtigen Urtheile über die Weiber. Bei wenigen seiner Lehren ist eine so uneingeschränkte Zustimmung möglich wie hier. Einzelne schroffe Aeusserungen erklären sich durch Nietzsches Vorliebe für gespitzte Ausdrücke, so das etwas rohe Wort von der Peitsche, das er übrigens nur übernommen hat. Natürlich ist die Behauptung, Nietzsche sei ein Weiberfeind gewesen, ganz unbegründet. Es geht das aus seinen eigenen Aussprüchen hervor und auch daraus, dass ihm Damenverkehr ganz angenehm war. Manchmal freilich scheint die Sache nicht recht freiwillig gewesen zu sein. Manche „hefteten sich an seine Sohlen“, aber oft war er doch mit Vergnügen dabei. Wahrscheinlich ist zuweilen gerade bei Solchen, bei denen der Trieb nicht stark ist, der gesellige Verkehr wohlthätig: sie empfinden eine mässige Erregung, und das ist ihnen für gewöhnlich genug. Es hat sich die Sage gebildet, geschlechtlichen Verkehr im eigentlichen Sinne des Wortes habe Nietzsche nicht gehabt. Deussen, um nur Einen zu nennen, meint (Erinnerungen, S. 24), auf ihn habe das Wort Anwendung gefunden: mulierem numquam attigit. Er erzählt eine wunderliche Geschichte, die er von Nietzsche selbst hat. Ein Dienstmann habe Nietzsche 1865 in Köln in ein Bordell geführt.„Ich sah mich plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen
Vielleicht habe ich da eine böse Lücke in mir. Mein Verlangen und meine Noth ist anders: ich weiss kaum es zu sagen und zu erklären“(Briefe II, p. 531).
Möbius, Werke V. 4