I. Der ursprüngliche Nietzsche.
in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinctmässig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung und ich gewann das Freie.“ Man kann unbedenklich zugeben, dass Nietzsche bis 1865 jede bedenkliche Berührung vermieden habe. Es ist aber von vornherein höchst unwahrscheinlich, dass es immer so geblieben sei. Man muss sich doch sagen, dass ein Philosoph, ein geborener Moralist schon aus Wissbegierde vom Apfel zu essen gezwungen war. Nietzsche spricht ja selbst so oft von seiner gefährlichen Neugierde, und nun sollen wir glauben, dass sie vor der interessantesten Angelegenheit Halt gemacht habe. Die Lust hätte er überwinden können, die Wissbegierde nicht. Er selbst nennt(XI, p. 24) die Virginität eine blasse unproductive Halbtugend und macht auch an anderen Orten einige Andeutungen. Wir sind aber nicht auf blosse Vermuthungen angewiesen. Gewährsmänner, deren Name freilich nicht genannt werden soll, erklären, dass Nietzsche schon in Leipzig geschlechtlichen Verkehr gehabt habe, und dass er später von Zeit zu Zeit mit den Personen, die sich nun einmal den männlichen Bedürfnissen zur Verfügung stellen, Beziehungen gehabt habe. Von Liebe kann man dabei freilich nicht sprechen, es handelt sich nur um ein Mittel zur Entleerung. Ein „Verhältniss“ scheint Nietzsche nie gehabt zu haben. Die Beziehungen zu der Französin in Bayreuth waren nur„Flirtation“.