Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
53
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2. Die Persönlichkeit.

Die Begabung Nietzsches ist dadurch gekennzeich­net, dass er für Musik, Poesie, Sprache vorzüglich, für die andere, mehr realistische Gruppe, das heisst bil­dende Kunst, Mechanik, Mathematik, schlecht begabt war. Diese Theilung kommt ja oft vor, bei Nietzsche ist nur auffallend die Schroffheit des Gegensatzes, die Grösse der Disharmonie.

Das eigentliche Stigma aber ist das, was ich vor­hin als. Maasslosigkeit bezeichnet habe. Sie hinderte Nietzsche, seine hohe Begabung sozusagen auszunut­zen, sie verdarb ihm nicht nur sein Leben, sondern auch sein Werk. Es ist von vornherein gefährlich, wenn Einer verschiedene, ungefähr gleich starke Ta­lente hat, denn er wird gewissermaassen nach ver­schiedenen Seiten gezogen.!) Jedoch kann die Sache gut ausgehen, wie manche Beispiele beweisen. Bei Nietzsche kämpften, wenn man so sagen darf, die dich­terische und die philosophische Anlage um den Sieg. Unglücklicherweise bewirkte der Mangel an Sophrosyne, dass nicht den beiden getrennte Gebiete zugewiesen wurden, dass eine Anlage die andere störte. Man hat ihn den Dichter-Philosophen genannt und hat geglaubt, damit ein Lob auszusprechen. Es ist aber wirklich kein Lob. Der Dichter will Gefühle erwecken, der Philosoph möchte sie ausschalten, jenem liegt es am schönen Scheine, dieser hasst jeden Schein, und so fort. Nehmen wir die Sprache. Für philosophische Darlegungen ist die beste Sprache die, die man sozu­

!)Zwischen drei Begabungen die mittlere Linie finden mein Problem, hat Nietzsche einmal gesagt.