Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
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I. Der ursprüngliche Nietzsche.

sagen gar nicht merkt, die sich schlicht und einfach an den Gedanken anlegt, wie ein glatt sitzendes Kleid. Durchsichtige Klarheit ist das Ziel, und deutlich zu sein ist die Herzenssache des Denkers. Nietzsche aber will schön schreiben, er sucht geradezu nach Aufputz und Verkleidung des Gedankens; wie die Sachen klingen, darum sorgt er sich, ja er ist stolz darauf, schwer verstanden zu werden, und verlangt noch nach einer Maske. Das Alles ist die Art des Belletristen, nicht des Philosophen. Andererseits ist die didactische Poesie für uns eine traurige Art von Poesie: In alten Zeiten, als sich der Mensch nicht anders zu helfen wusste, naiv Dichten und Denken vermengte, da hatte sie ihr Recht, aber die Nachahmung des Alterthums ist Koketterie. Gewiss können einzelne Gedanken in poetischer Form ausgesprochen werden, und dies ist Nietzsche oft genug sehr gut gelungen. Aber ein Lehr­gedicht in vier Büchern, das geht eigentlich gegen den guten Geschmack. Die Philosophie fährt schlecht da­bei und die Poesie auch.

Maasslosigkeit und guter Geschmack vertragen sich nicht. Bewundern wir hier das Feingefühl Nietz­sches, so verletzt uns auf der nächsten Seite eine grobe Geschmacklosigkeit, und je älter er wird, um so häufiger werden diese Verletzungen. Nur ein Theil der Geschmacklosigkeiten kann auf die Rechnung der progressiven Paralyse gesetzt werden.

Maasslosigkeit und Stetigkeit vertragen sich nicht. Mit jener wächst die Neigung zum Aphorismus, das heisst zum Abreissen des Gedankens. Die Fixigkeit