Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
55
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2. Die Persönlichkeit.|

A

des Denkens nimmt zu, die Richtigkeit leidet allzu oft. Weil keine Gedankenreihe zu Ende gedacht wird, müs­sen trotz alles Scharfsinnes Halbwahrheiten und Wider­sprüche das Ende sein. Die Ungeduld läuft zu rasch, das Ziel soll mit einem Male erreicht werden, sie glaubt es erreicht zu haben, wenn sie es sieht; dann tauchen schon neue Ziele auf und der rastlose Lauf bleibt schliess­lich erfolglos.

Vielleicht wird Mancher an meiner Schilderung des ursprünglichen Nietzsche manches vermissen. Der Eine wird sagen: Du redest immer von Anlagen und Cha­rakterzügen; wissenschaftlicher wäre es, Du gäbest uns eine ordentliche Diagnose und sagtest, ob Nietzche an Neurasthenie, an Melancholie, an Zwangvorstellungen oder an was sonst gelitten habe. Zuerst will ich dar­auf erwidern, dass das ModewortNeurasthenie mir mit der Zeit auf die Nerven fällt. So, wie es gebraucht wird(unser Zeitalter ist das der Neurasthenie, und so weiter), ist es freilich eine Klappe, die viele Fliegen trifft, aber verständigerweise kann man unter Nerven­schwäche nur einen Zustand gesteigerter Ermüdbarkeit verstehen, einen Zustand, der recht oft vorkommt, aber nicht die ihm in den Mode-Declamationen zugeschrie­bene Bedeutung hat. Nietzsche war gar nicht nerven­schwach: es ist weder von körperlicher, noch von geistiger Ermüdung bei ihm die Rede, man möge also das Gerede von Neurasthenie lassen. Nietzsche war auch nicht melancholisch. Abgesehen davon, dass eine Hemmung bei ihm gar nicht bestand, verdient auch seine Traurigkeit die Bezeichnung melancholisch nicht.

NN