Teil eines Werkes 
Bd. 5 (1904) Nietzsche : mit einem Titelbilde / von P. J. Möbius
Entstehung
Seite
56
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I. Der ursprüngliche Nietzsche.

Sie war in der Hauptsache völlig berechtigt, denn sie entstand aus dem Kummer über seine Krankheit, aus den Enttäuschungen, die er mit Wagner und Anderen erfahren hatte, aus der Trostlosigkeit seiner Auffassung von Welt und Leben, aus dem Verdrusse und den Sorgen seines Lebens. Sein Temperament, wenn man das Wort gebrauchen darf, war durchaus nicht melan­cholisch, sondern eher sanguinisch-cholerisch. Auch von Zwangsvorstellungen und ähnlichen Zufällen kann ich bei Nietzsche nichts finden. Es ist richtig, dass seine unaufhörlichen Wiederholungen, sein Todthetzen von Wörtern und Wendungen den Laien an Zwangsvor­stellungen denken lassen können, aber im wissenschaft­lichen Sinne sind Zwangsvorstellungen nicht vorhanden.

Will man schulmässig reden, so gehört Nietzsches ursprünglicher Zustand in das grosse Gebiet der Ner­vosität, besser gesagt zu den leichten Formen der Ent­artung. Man muss bei Denen, die im Französischen degeneres superieurs genannt werden, unterscheiden: den primären Zustand und die etwa hinzutretenden Zufälle. Die Hauptsache sind nicht diese, sondern jener ist es, wenn auch in der Literatur von den Zufällen mehr die Rede ist. Der primäre Zustand führt die Leute nicht zum Arzte, aber von ihm hängt es ab, was sie im Leben sind. Den primären Zustand Nietzsches habe ich schildern wollen. Eigentliche Zufälle sind bis zur Ent­wickelung der progressiven Paralyse nicht nachzuweisen.)

1) Der kranke Nietzsche hat ausgesagt, er habe bis zum 17. Jahre anepileptoiden Zuständen ohne Bewusstseinsverlust gelitten. Ob etwas darauf zu geben ist?