Heft 
(1955) 4
Seite
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buden, höre die Drehorgeln tröten:.und sollt ich im Leben ein Madel

mal frein . . Wir sangen immer kräftig mit und verkleisterten uns dabei die Nasenlöcher mit Zuckerwatte. Wir krochen unter das Kettenkarussell und suchten nach den Grosdien, die durch die Ritzen dfes Bretterbelags in den Sand gerollt waren. Wir kugelten uns mit den Mädchen um die Wette durch die rotierende Tonne, aber ans Freien dachten wir nicht. Einen habe ich in Erinnerung, der auf diesem Rummel niemals fehlte: Der billige Jacob! Unter größtem Stimmenaufwand bot er dem Publikum Spitzen­band, Regenschirme, Hosenträger, Pfeifen und Scheren, Artikel, die schnell gekauft wurden, spottbillig!

Drei Meter Plauener Spitze, bitte! rief eine Dame.

Jacobs Goldzähne blitzten.Bitteschön, bittesehr, meine Tochter!

Er nahm sogleich mit der Elle maß.Ein Meter, zwei Meter, drei Meter, und weil du es bist, Lieschen, noch ein halbes Meter gratis dazu! Grückstrahlend trat Lieschen, die in Wirklichkeit Ursula hieß, den Heim­weg an. Da hatte sie ein Geschäft gemacht! Erregt breitete sie vor der ver­sammelten Familie die Spitze aus, nahm das Zentimetermaß und zog es über die Länge. Ein Meter, zwei Meter . . . Oh, welche Enttäuschung! Bei Jacob waren drei Meter fünfzig genau zwei Meter neunundneunzig lang. Ja, so war das damals. Inzwischen ist Wittenberge gewachsen, und der Platz wird bald nicht mehr sein. Hin und wieder baut ein Zirkus sein riesiges Zelt und seinen Wagenpark auf. Dann wogt noch einmal das Leben über den sandigen Boden. Stimmengewirr, Geschrei und Musik steigen in die Luft und fliegen hinüber in die große Siedlung am Düsterweg, zum Bentwischer Weg, zu den Neubauten an der Kyritzer- und Weisener Straße und verlieren sich hinter dem Thälmann-Stadion zwischen den Häusern der Siedlung »Vorwärts. Diese Siedlung ist ein Stück Geschichte unserer Stadt, ein Wahrzeichen der Solidarität und des Fleißes unserer Witten­berger Arbeiter. Man kann sie nicht erwähnen, ohne dabei an Paul Klink und seine 300 mutigen Kollegen zu denken, die im Jahre 1923 von der Planung zur Ausführung schritten. Aus dem Nichts heraus schufen sie diese Häuser, gute Heimstätten, in denen man sich wohlfühlen kann.

Mein Blick geht in die östliche Richtung, dorthin, wo auf blanken Stahl­bändern die vielachsigen Züge den Bahnhof Wittenberge verlassen. Die Lokomotiven ziehen zischend und fauchend an den dunklen Gebäuden des Reichsbahnausbesserungswerkes vorüber, Güterzüge, D-Züge, schnell und schwingend, nach Magdeburg und Berlin, nach Schwerin und Perleberg, nach Hamburg, der schönen Stadt an der Elbmündung, der wir so sehr verbunden sind. Nach Westen, zu unseren Schwestern und Brüdern, die eins mit uns sind, wie wir mit ihnen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts

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