So zog er energischer, und unter dem andauernden lauten Protest des Hahnes holte er diesen so allmählig von Ast zu Ast, bis er ihn endlich unten auf dem Erdboden hatte. Erich atmete auf, der Hahn anscheinend auch. Da der Gockel jetzt wieder in seinem gewohnten Element war, sauste er flügelschwingend und mit unvermindertem Geschrei spornstreichs davon. Was blieb Erich übrig, er mußte hinterher, denn die Schnur war bis zum Reißen gespannt. So manchen Hecht hatte er in aufregendem Kampf an Land gebracht, aber nie hatte er so Blut und Wasser geschwitzt wie bei der Bergung dieser seltenen Jäeute. Immer saß ihm dabei die Angst im Genicke, ob nicht die Tante, durch das Geschrei angelockt, bald um die Scheunenecke herum aufkreuzen würde. Endlich hatte er den Widerstrebenden beim Wickel. Das erste war, daß er ihm den Schnabel zuhielt, damit der Radau aufhöre. Doch nun mußte der Haken heraus. Einfach die Schnur abschneiden ging nicht, denn dann kam die Schandtat eines Tages bestimmt an den Tag. Kaum sperrte er dem Geköderten den Schnabel auf, ging das Gezeter im höchsten Diskant von neuem los, so reterierte Erich, sich scheu umsehend, mit Angelrute und Hahn, letzterem dabei fest den Schnabel zuhaltend, ein Ende weg, bis er außer Hörweite hinter einem Busche saß. Hier ging er nun an die Operation. Der Haken saß sehr tief, aber heraus mußte er. So klemmte Erich resolut den Hahn zwischen die Beine und diesem selbst kurzerhand ein Stück Holz in den Schnabel. Mit vieler Mühe manipulierte er den Widerhaken aus dem Rachen. Es floß reichlich Blut dabei, und der Gockel sah bald aus, als ob er einen Kampf auf Leben und Tod mit einem Nebenbuhler gehabt hätte. Als er schließlich davonflattern konnte, atmete Erich nun wirklich erleichtert auf. Na, das wäre noch mal gut gegangen! aber ein beklemmendes Gefühl blieb doch. Würde Tantes Liebling diese Operation überstehen?
Als er sich am Spätnachmittage von seiner Tante verabschiedete, tat Erich das mit einem schlechten Gewissen, schon deswegen, weil von dem Hahn weit und breit nichts zu sehen war. ^
Am nächsten Sonntag war mein Freund Erich wieder in Kreuzburg. Als er bei der Tante das Rad abstellte, ging als erstes sein suchender Blick über den Hof. Da sah er zu seiner großen Freude den geangelten Gockel, stolz wie einen Pascha, inmitten seiner Hennenschar, wie er sie in alter Frische betreute und versorgte. Unserem guten Erich fiel ein Stein vom Herzen, und mit der aufrichtigen Freude eines liebenden Neffen konnte er nun mit strahlendem Blick die gute Tante begrüßen. Sie ahnte ja nichts von dem Attentat auf ihren geliebten Kratzefuß! — Und wenn sie dieses liest, wird sie gern Verzeihung üben, zumal sie ihn, den stolzen Italienerhahn, inzwischen selbst gegessen hat.