Welchen langen Weg hatte die Schule zurückzulegen, bis die realistische Seite des Unterrichts den Vorrang gewann, bis zur Gründung der ILehrerseminare durch Diesterweg 1840, bis zur Trennung von Kirche und Schule 1918, bis zum wissenschaftlich fundamentierten Unterricht 1945. Davon konnten die damaligen Küster noch nichts ahnen, als sie 1818 zum ersten Male Rochows Kinderfreund, Türks Rechenbuch und Stefanis Lautiermethoden zur Hand nahmen.
Noch waren sie damals die bettelnden Schnorrer des Dorfes: „Da ich so wenig Acker und Wiesen habe, und noch nicht einmal für Geld soviel Land bekommen kann, wo ich meinen wenigen Dung lasse, so bitte ich Euer Hochehrwürden ganz untertänigst, mir beizustehen, daß ich jetzt auch meinen Acker bekomme.“ (Separation 1828). Ein reales Bild jener Zeit entwickelt der Visitationsbericht vom 18. April 1811:
„Ich scheue mich nicht vor meiner Gemeinde und vor meinen Richtern aufzutreten und von meinen Handlungen Rechenschaft zu geben. Ich habe nicht mit unverständigem Eifer für die bessere Einrichtung der Schulen geredet. Und doch habe ich das Zutrauen meiner Gemeine verloren und mir sogar Haß zugezogen. Es gereicht mir das zwar nicht zur Unehre, aber für die gute Sache zu wirken, ist alle Mühe vergebens. Seit dem ersten Oktober 1810 habe ich die vier preußischen Schullehrer wöchentlich privatim unterrichtet. Der Küster Nehlsen (Berge) und der Schullehrer Gna- deke (Pirow) haben nicht nur durch den wissenschaftlichen Unterricht gute Fortschritte gemacht, sondern sie haben auch eine höhere Ansicht des Elementarschulwesens erlangt und werden sich durch den fortzusetzenden Unterricht noch mehr vervollkommnen. Der Schullehrer Jährling zu Kleeste bleibt zwar nicht ganz zurück, aber es ist ihm empfindlich, noch unterrichtet werden zu müssen, doch versäumt er ohne Not die Stunden nicht. Die bedauernswürdige Lage dieses Mannes erstickt in ihm den Trieb, mit Lust die Schuljugend zu unterrichten. Abschreckend ist das Schulgebäude, zusammengedrängt in einer hochstehenden Wohn- und zugleich Lehrstube wird der tätige Geist durch die Ausdünstungen seiner Familie und Schulkinder, auch zuweilen des jungen Viehes, in dem so engen Raume niedergedrückt. Wegen eines Mangels an Handwerk soll nun der Mann mit dem wenigen Schulgelde ausreichen. Ich habe zum öfteren Versuche gemacht, da die Gemeine Land, Wiese, Weide und Holz reichlich hat, ihrem Schullehrer soviel zuzulegen, daß er nur notdürftig subsistieren könne. Ich habe ihr schriftlich Vorschläge zur Verbesserung ihres Schullehrers getan, auch zugleich verzeichnet, wie es geschehen könne, aber nie eine bestimmte Antwort erhalten. Am 7. April erklärte mir der Schulze im Namen der Gemeine, sie würden zur Verbesserung ihres Schullehrers nichts tun. Nun kann der Mann auch nicht eine Metze Kartoffeln pflanzen, keine Kuh ausfüttern, weil er weder Heu noch Stroh baut. Denn noch liegt sein Dünger vom Herbst und diesem Frühjahr ungenutzt vor dem Schulhause, weil
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