tionäre Preußen zertrümmerte, saß immer noch ein Stendel im Sandkrug. Für ihn kamen jetzt schlechte Zeiten. Im Frieden zu Tilsit ging Preußen aller seiner Gebiete westlich der Elbe verloren. Aus ihnen und mehreren Kleinstaaten bildete Napoleon das Königreich Westfalen. Den Königsthron bestieg Napoleons Bruder. Der Verkehr zwischen den beiden Ufern der Elbe ruhte fast gänzlich. Die Elbe war Grenzstrom zwischen Preußen und Frankreich geworden. Da waren die Stendels auf das angewiesen, was sie aus ihrem Kohlgarten herauswirtschafteten. Sechs Jahre mußten sie den Riemen enger schnallen.
Da kam das Jahr 1813. Überall im Volke regte sich der Wille zur Befreiung. Der König aber bremste. Endlich gelang es den deutschen Patrioten, ihn zur Kriegserklärung an Napoleon zu bewegen. „Der König kam, als alle, alle riefen“, muß es in Umkehrung des bekannten Spruches heißen. Preußische Freikorps (Dörnberg, Lützow), unterstützt von russischen Reitern, stießen tief in das westelbische Gebiet vor, mußten aber später der französischen Übermacht weichen. Der Schutz des Elbufers wurde dem Landsturm anvertraut, der aber diese Aufgabe mit ganz anderen Gefühlen übernahm als 1945 der Volkssturm. Dieser sollte Knechtschaft und Unfreiheit verteidigen, jener aber kämpfte für eine gute, gerechte Sache. Tagtäglich stand Stendel an der Elbe und spähte hinüber in die „feindliche“ Altmark. Da bemerkte er einmal im Werderholz uniformierte Menschen. Ihre Zahl nahm zu. Ständig strömten neue Soldaten aus der Richtung Scharpenlohe hinzu. Auch in Klein-Beuster sah er Kolonnen. Kähne lagen am Ufer, die vorher nicht da waren. Sollten die Franzosen den Versuch unternehmen, bei Sandkrug über die Elbe zu kommen? Stendel meldete seine Wahrnehmungen sofort dem Major v. Merklin, der den Wilsnacker Landsturm führte. Eilig schickte dieser einen Zug Landstürmer nach Sandkrug. Leutnant Meyenburg und Unteroffizier Büschow führten sie. In der Abenddämmerung wurden die Landstürmer am Elbufer hinter Weidenbüschen und Eichen verteilt. „Keiner schießt, damit der Feind nicht merkt, daß das Ufer besetzt ist.“ Alle folgten dem Befehl. Der Morgen kam. Da sahen die Landstürmer, daß das gegnerische Ufer dicht besetzt war. Hinter jedem Busch, jedem Baum lag oder stand einer. Aber auch die Feinde hatten den Wilsnacker Landsturm entdeckt. Ein wildes Geschieße begann. Hinter einem Weidenbusche kniete der biedere Wilsnacker Schmiedemeister Königsberg und lud gerade seinen Vorderlader. Da schlug dicht vor ihm eine Kugel ein und überschüttete ihn mit feuchtem Elbsand. In einer Mischung von Schreck, Wut und Aufregung lud Königsberg sein Gewehr noch einmal, stampfte die Ladung fest, vergaß aber, den Ladestock herauszuziehen. Bauz, sausten Ladestock und Kugeln über die Elbe. Königsberg aber wurde durch den Rückschlag der doppelten Pulverladung umgeworfen und rieb sich stöhnend seinen verlängerten Rücken und das Schlüsselbein. In der Nacht, nachdem das Geschieße verstummt war, ru-
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