Heft 
(1880) 39
Seite
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L' A d i: l t e r a.

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XI. Zum Minister.

Wohin treiben wir?" hatte es in Melanies Herzen gefragt, und die Frage war ihr unvergessen geblieben. Aber der fieberhaften Erregung jener Stunde hatte sie sich entschlagen, und in den Tagen, die folgten, war ihr die Herrschaft über fich selbst zurückgekehrt.

Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen Augenblick zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn am Gitter draußen halten und gleich darauf auf die Veranda zukommen sah. Sie ging ihm wie gewöhnlich einen Schritt entgegen und sagte:Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen! Sonst sahen wir Sie jeden dritten Tag, und Sie haben diesmal eine Woche vergehen lassen, fast eine Woche. Aber die Strafe folgt Ihnen auf dem Fuße. Sie treffen nur Anastasia und mich. Unser Riekchen, das Sie ja zu schätzen wissen (wenn auch freilich nicht genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen und erzieht sieben kleine Vettern auf dem Lande. Lauter Jungen und lauter Sawatzkis, und in ihren übermüthigsten Stunden auch muthmaßlich lauter Sattler von der Hölle".

Sagen wir lieber gewiß. Und dazu Riekchen als Präceptor und Regente. Muß das eine Zügelführung fein!"

,,O, Sie verkennen sie; sie weiß fich in Respekt zu setzen".

Und doch macht' ich die Verzweiflung des Gärtners über zertretene Rabatten und die des Försters über angerichteten Wildschaden nicht mit Angen sehn. Denn ein kleiner Junker schießt Alles, was kreucht und fleucht. Und nun gar sieben. Aber ich vergesse, mich meines Auftrags zu entledigen. Van der Straaten . . . Ihr Herr Gemahl . . bittet, ihn zu Tische nicht erwarten zu wollen. Er ist zum Minister befohlen und zwar in Sachen einer Enquete. Freilich erst morgen. Aber heute hat er das Vorspiel: das

Diner. Sie wissen, meine gnädigste Frau, es giebt jetzt nur noch Enqueten".

Es giebt nur noch Enqueten, aber es giebt keine gnädigste Frauen mehr. Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen uns. Eine Gnädigste bin ich überhaupt nur bei Gryczinskis. Ich bin Ihre gute Freundin und weiter nichts. Nicht wahr?" Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und küßte.Und ich will nicht" führ sie fort,daß wir diese sechs Tage nur gelebt haben, um unsre Freundschaft um eben so viele Wochen zurück zu datiren. Also nichts mehr von einergnädigsten Frau". Und dabei zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug und ihre Stimme zitterte bei der Erinnerung an den Abend, der nur zu deutlich vor ihrer Seele stand.

Ja, lieber Freund", nahm sie nach einer kurzen Pause wieder das Wort,ich mußte das zwischen uns klar machen. Und da wir einmal beim Klarmachen sind, so muß auch noch ein Andres heraus, auch etwas Persönliches und Difficiles. Ich muß Ihnen nämlich endlich einen Namen geben. Denn Sie haben eigentlich keinen Namen, oder wenigstens keinen, der zu brauchen wäre".

Nord und Süd. XIII, 39.

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