Druckschrift 
"Kontinuität und Wandel der deutschen Führungsschicht : Ergebnisse der Potsdamer Elitestudie 1995" ; Zusammenstellung der Vorträge des Symposions vom 11. Oktober 1996 an der Universität Potsdam / Primärforscher: Wilhelm Bürklin
Entstehung
Seite
58
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Wertorientierung im Eliten-Bevölkerungsvergleich: Avantgarde vs. Kollektivismus Victoria Kaina

Fragestellung

Seit der Öffnung derMauer", vor allem aber seit der deutschen Vereinigung im Jahr 1990 steht immer auch die Frage nach der politischen Kultur der wieder vereinten Deutschen zur Diskussion. Hat die mehr als vierzigjährige Sozialisation in völlig gegensätzlichen Gesellschaftssystemen unterschiedliche Werthaltungen und politische Einstellungen hervorgebracht? Konnten kulturelle Gemeinsamkeiten die Phase der staatlichen Teilung überdauern? Werden vielleicht sogar mit der Betonung der Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen tatsächliche Ähnlichkeiten in den Vorstellungen vom gesellschaftlich Wünschenswerten(vgl. Kluckhohn 1951) zu wenig perzipiert? Oder ist für uns Deutsche ein beschwerlicher kultureller Anpassungsprozeß unausweichlich, in dem regional mobilisierte Friktionen und Konflikte eher die Regel denn die Ausnahme sein werden?

Die Relevanz einer empirischen Analyse der Werthaltungen ost- und westdeutscher Eliten und Bevölkerung resultiert aus demokratietheoretischen Überlegungen zur Persistenz politischer Systeme und Regimestabilität. Voraussetzungen beider sind unter anderem die Bereitschaft der Eliten, auf der Basis eines institutionalisierten Regelnetzes zu handeln(vgl. Field/Higley 1973, 1980) und die Kongruenz von Institutionengefüge und politischer Kultur(vgl. Fuchs 1989). Mit der weitgehenden Übernahme der politischen Institutionenstruktur der Bundesrepublik im Gebiet der ehemaligen DDR kann jedoch weder von einem selbstverständlichen Wertkonsens innerhalb der gesamtdeutschen Führungsschicht noch innerhalb der gesamtdeutschen Bevölkerung ausgegangen werden.

Die Sozialisationshypthese

Die vierzigjährige Entwicklung der DDR hat im Osten Deutschlands Lebensbedingungen geschaffen, die mit denen in einer pluralistischen, demokratischen und modernisierten Wohlstandsgesellschaft wie der Bundesrepublik nicht zu vergleichen sind. In einem von Frank Adler(1991) einmal so bezeichnetenBermuda-Dreieck des Realsozialismus" aus Machtkonzentration, De-Subjektivierung und Nivellierung/Homogenisierung ankerte die Bereitschaft der DDR-Bevölkerung, sich im Austausch gegen wirtschaftliche Versorgungsleistungen anzupassen und politisch zu arrangieren(vgl. Pollack 1992). Vor allem aber motivierte die staatlich induzierte Überpolitisierung des Alltagslebens in der DDR(vgl. Meuschel 1991) zur Suche nach Rückzugsmöglichkeiten in depolitisierte Nischen, förderte privatistische Tendenzen und informelle Sozialbeziehungen und reproduzierte herkömmliche unpolitische Haltungen einer Untertanenkultur(vgl. Almond/Verba 1963).

Als einer der prominentesten Erforscher des Wertewandels in den westlichen Demokratien postulierte

_Inglehart(1977, 7989) ar r die Bundesrepublik eine nahezu entgegengesetzte Entwicklung: gestiegene Befeilgungsänsprüche der Bevölkerung in Folge von zunehmendem Wohlstand, Bildungsexplosion und wachsendem politischen Interesse drückten den Bedeutungsgewinn von Werten der Selbstbestimmung aus, die mit denen der Selbstentfaltung Schritt hielten.

Obgleich diese Ausführungen nur fragmentarischen Charakter haben, spricht einiges dafür, daß langfristige Wertorientierungen in einem spezifischen DDR-Muster über die Regimetransformation hinweg teilweise bewahrt werden konnten und sich in einer in Ost- und Westdeutschland unterschiedlichen Wertpräferenz niederschlagen. In Hypothesenform gebracht hieße das:

Je wahrscheinlicher eine unterschiedliche Systemsozialisation die Ausbildung bestimmter Orientierungsmuster erklärt, desto eher ähneln sich die Einstellungsstrukturen zwischen Herkunftselite und Bevölkerung, unterscheiden sich aber von den Vergleichsgruppen im anderen Teil Deutschlands.

(Sozialisationshypothese)