Fontanes Persönlichkeit
(Ausgewählte Abschnitte aus der Einleitung zur zweiten Reihe der Gesammelten Werke)
I
„Alles, was ich geschrieben, auch die.Wanderungen' mit einbegriffen, wird sich nicht weit ins nächste Jahrhundert hineinretten; aber von den 'Gedichten' wird manches bleiben." So Theodor Fontane in einem Briefe aus dem Jahre 1889 an seinen Verleger Wilhelm Hertz, und es mag etwas Wahres an seinen Worten sein. Aber es ist, als spräche ein Soldat von Helm und Gewehr, und vergäße darüber sich selbst. Theodor Fontane lebt als Persönlichkeit.
Etwas von dieser Persönlichkeitskraft muß irgendwie vom Volksbewußtsein aufgefangen worden sein. Ich wüßte nicht, warum sonst gerade ihm Denkmäler in seinen beiden Städten, in Neu-Ruppin und Berlin, errichtet worden wären: es blieben stärkere Dichter ohne Stein.
Er aber schuf sein Selbst zum größten, dem dauernden seiner Werke. Sprach höchst persönlich aus jeder Zeile, die er schrieb. Und führte sein Dasein in seiner Wohnung in der Potsdamer Straße zu Berlin, selbst eine fontanesche Figur.
Gleichgültig, wie hoch sein Talent zu bewerten sei. Als menschlich-dichterische Persönlichkeit steht er zwischen denen dicht hinter Goethe. Und bei den Großen. In Güte zwingend. Wirklichkeitsmaßstäbe umsetzend. Als einer, der sich gebieterisch in die Herzen und Sinne einschrieb, gerade weil er mit einem Achselzucken gewähren ließ.
Es scheint geboten, sich in aller Nüchternheit darüber klar zu werden, und man wähle zum Vergleich einen der Starken deutschen Schrifttums, etwa Hebbel. Selbstverständlich bestehen auch bei Hebbel Zusammenhänge zwischen seinem Charakter und seinem dichterischen Werk; aber sie werden nicht ohne weiteres fühlbar; das Talent scheint die Wesens-
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