Das Wangenheim-Kapitel
(Entwurf rum dritten Teil der Lebenserinnerungen)
Am Sommer 1888 oder 89 (?) starb einer meiner besten Freunde, der Geh. Rat von Wangenheim, in dessen Hause ich beinah' über 20 Jahre verkehrte und eine Fülle von Liebem und Gutem genossen hatte. Er war eine der liebenswürdigsten, selbstsuchtslosesten und bei aller Güte doch charakterfestesten Personen, die mir vorgekommen sind. Von ihm und seiner Familie (Frau und Iwillingstöchtern) möchte ich in diesem Kapitel erzählen. Ich muß dabei weit zurückgreisen. Es geht bis ins Jahr 53 oder 54 zurück.
Ich war damals im dritten oder vierten Jahr verheiratet und fristete mein Leben als Mitglied des sogenannten literarischen Kabinetts. Dies „literarische Kabinett", ein letztes Anhängsel des Ministeriums des Innern, war, ich glaube, 1849 gegründet worden, wenigstens existierte es schon eine kleine Weile, als ich im Oktober 1850 in dasselbe eintrat. Ich glaube, es war eine Schöpfung aus der Rado- witz-Ieit. Als ich eintrat, stand Wilh. v. Merckel (ein Schwager Heinrich v. Mühlers) an der Spitze desselben. Ich trat nur ein, um wieder auszutreten und bezog meine 40 Taler Diäten, auf die ich mich verheiratet hatte, nur zwei Monate lang. Es hing dies mit dem Sturz des Radowitz'schen Ministeriums zusammen, an dessen Stelle nun das Ministerium Manteuffel trat. Meine Rolle dabei, etwa die eines Boten im Drama oder Stück, hatte etwas Tragikomisches. DaS „literarische Kabinett", im wesentlichen ein ministerielles Lesebureau, bestand aus sechs oder acht Herren, an deren Spitze ein geschulter Beamter stand, damals Wilh. v. Merckel (über den ich an anderer Stelle berichtet), ein Alt-Liberaler und Anhänger der Radowitz'schen Politik. Die übrigen Mitglieder und Kollegen waren fast ausschließlich
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