über seine Worte und ängstigte mich. Er hat Unrecht gehabt. Man muß sein Leben nur richtig einrichten. Und von dem Alter nicht das verlangen, was der Jugend gehört. Es fällt vieles von uns ab, aber das, was bleibt, ich sag es Dir zum Trost und zur Erhebung, meine liebe Helene, das ist das bessere Teil, und vor allem auch das glücklichere. Jede Stunde läßt uns jetzt die Vergleiche ziehen, denn wir treten vor all die alten Dinge und wir vergleichen zwischen damals und jetzt. Und der Vergleich fällt nicht zum Schlimmen aus. Ein neues Leben ist mir in meinem Alter aufgegangen. Heute waren wir in der „Academia", einer Sammlung, die unfern Museen entspricht. Diese Sammlung birgt viel Schönes, nichts Schöneres aber als ein Bild von Tizian: „Die Himmelfahrt Marias". Sie nennen es die „Assunta". Wir sahen es auch vor fünfzig Jahren. Ich starrte es an, fand es zu dunkel, zu katholisch und ich weiß nicht was. Ich hatte kein Verständnis für die Tiefe, die sich hier erschließt. Nun hab' ich sie. Nun folgt eine ganz kurze, einfache, aber begeisterte Schilderung des Kopfes der Maria und des Ausdrucks der Verklärung, das alle n Irdischen Abgekehrte, es liegt hinter ihr. Ach, in unfern Jahren, meine geliebte Tochter, versteht man es. Damals verstand ich es nicht. Wir bleiben noch drei Tage, dann gehen wir über Brescia und Bergamo an den Comer See, wo wir die alten Tage auch wieder aufsuchen wollen. Und dann zurück zu Euch. Begleitet uns mit Euren freundlichen Gedanken und begleitet Eure Alten. Mein liebes Kind, Deine alte Mama.
Er kam heraus. „Hast du geschrieben?" „Ja." „Darf ich es lesen?" „Ja", und er las. Er nahm die Feder und schrieb darunter: „Just so." Dann gab er der Alten einen Kuß und sie gingen auf den Markusplatz, um die Dämmerstunde und die Gondeln abzuwarten.
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