großen Stellen entzückt, im ganzen aber, namentlich als stilistische Leistung, wenig befriedigt. Es ist viel zu viel hineingestopft, und weil diese Masse nur kurz behandelt werden darf, geht alle Klarheit verloren. Viel zu lang und auch wieder nicht lang genug; sollen Details gegeben werden, so verlangen diese einen bestimmten Raum, ohne den sie sich drängen und unübersichtlich werden.
Vom 29. April bis 15. September.
Im Theater passiert wenig von Bedeutung. Ranke wird weiter gelesen. Von Romanen und Novellen lese ich: Martin Salandern von Gottfried Keller, Drei Fraue (oder Drei Weiber) von Max Kretzer undz Quartet t von Frit Mauthner. Mauthners Buch ist talentvoll und wenn es etwas besser, feiner, wahrer wäre, so ließe sich von einem guten Buche sprechen; es gibt solche Menschen, solche Gesellschaften und Zustände, und der Fehler besteht vorwiegend darin, daß er Licht und Schatten nicht richtig verteilt, — in diese Schofelinskiwelt müßte eine Welt voll Adel und Liebenswürdigkeit hineingearbeitet sein. Das Kretzersche Buch (in gewissen äußerlichen Schilderungen auch talentvoll) ist eine Schweinerei. Dergleichen — ein Assessor lebt mit Mutter, Stieftochter und Dienstmädchen a tempo auf dem Liebes- fuß; die Tochter, noch dazu an ihrem Verlobungstage, ist sogar Augenzeuge einer Liebesszene mit der Mutter — kommt vor, und ich will einem Dichter, der sittlicher Mensch und Genie zu gleicher Zeit ist, die Behandlung solcher Dinge gestatten, ja, es kann dann von erschütternder Wirkung sein, Kretzer ist aber bloß ein talentierter Saupeter. Bis Mitte Mai fahre ich mit der Korrektur von „Irrungen—Wirrungen" fort, dann beginnen die Vorbereitungen zu Georges Hochzeit; am ro. Juni Polterabend, am 11. kommen Frau Soldmann, Martha Soldmann und Theo, am 12. Hochzeit im Englischen Hause (Pastor Tournier traute das Paar in der französischen Klosterkirche), am 13. Pfingsten, am iZ-
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