Heft 
(1894) 81
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Wer ist musikalisch?

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Erregung der Ohrsaiten nicht nur ins akustische Gehirncentrum gelangt und dort verbleibt, sondern daß ein gewisser Ueberschuß der Erregung aus nahe­liegende Gesühlscentren überspringt*). Zu diesem Ueberspringen von einem Sinnescentrum zu einem andern ist freilich keineswegs immer eine besonders starke Erregung nothwendig. So soll es Menschen geben, welche auch bei mäßigem Trompetenklange die Wahrnehmung von Gelb im Auge haben. Bei Andern ruft der Pfeifenton die Vorstellung von Gelb, der Ton der Kirchen­glocke die von Violett, der Violinton von Rothviolett vor. Den Vocalen entsprechen bei Anderen folgende Farben: ^ ^ schwarz, L hellviolett, I hellgelb, 0 dunkelviolett, II braungrau.

Daß Menschen bei dem Hören von bestimmten Tönen einen sauren, süßen oder bittern Geschmack empfinden, oder Maiglöckchen, Veilchen oder Rosen riechen, ist bis jetzt nicht bekannt. Soviel wir vorläufig wissen, ist das Ueberspringen von Empfindungen auf Bewegungen das häufigste Vorkommniß; demnächst kommt das Ueberspringen von Sinneswahrnehmungen auf Em­pfindungen, zuweilen von da auch noch auf Bewegungen (also ein dreifacher physiologischer Effect) am häufigsten vorH. Wer hat nicht die Wirkung des

U Ich hörte einmal eine Sopranistin in einem Concert recht falsch singen. Als sie mit unglaublicher Sicherheit ein hohes ö um einen viertel Ton zu hoch einsetzte, da empfand ich einen heftigen Schmerz in einem Zahne, der mir zuvor nie weh gethan hatte. Ich ging am folgenden Tage zum Zahnarzt, der eine kleine cariöse Stelle an diesem Zahne fand. Der durch Erkrankung überreizbar gewordene Empfindungsnerv war durch einen dom Gehörorgan über­tragenen Reiz erregt. Das ist doch keine ästhetische Wirkung, sondern eine physiologische.

Bei dem Zusammenhänge aller unserer Nerven in den nervösen Centralorganen (Gehirn und Rückenmark) und bei den verschiedenen Einwirkungen physikalischer Vorgänge auf unsere Nerven entstehen eben völlig uncontrolirbare, höchst complicirte Bewegungen in unseren Nervenbahnen, welche zum Theil zu Wahrnehmungen werden, znm Theil unbewußt bleiben.

2) Ich sah eine junge, große dänische Dogge, welche an einer Schnur sestgehalten wurde, plötzlich vor Schreck wie ohnmächtig hinfallen, als ein Gebirgsdorf-Blasorchester einen Schützen­marsch sehr kräftig einsetzte. Wäre der Hund nicht festgehalten worden, so wäre er wahrscheinlich in großen Sätzen davon gesprungen, wie er es gewöhnlich that, wenn er z. B. einen Schuß hörte. Die Wirkung kann doch keine ästhetische gewesen sein; wie käme der Hund zu einer musikalisch- ästhetischen Empfindung! sie muß eine rein physiologische, elementare gewesen sein. Die starke akustische Wirkung sprang auf seine Empfindnngsnerven und von da auf die Bewegungsnerven über; es trat eine momentane Lähmung ein, er fiel mit nach vorwärts und rückwärts gestreckten Beinen hin (Reflexlähmung, Shock).

Warum heulen so viele Hunde, wenn sie Musik, zumal hohe Töne hören? Sie heulen so wehmüthig, als wenn sie den schrecklichsten körperlichen Schmerz empfänden, und laufen doch nicht davon; wie hypnotisirt verbleiben sie an dem Orte ihrer Qual. Eine ästhetische Wirkung ist doch Wohl ausgeschlossen. Man sucht nach einem physiologischen Moment. Vielleicht wirken ge­wisse, mit starken Obertönen verbundene Klänge ganz besonders unangenehm auf ihr Gehörorgan. Doch warum laufen sie nicht davon? Was veranlaßt sie zu bleiben und zu heulen? Ist es ein reflectorischer mimischer Vorgang, oder ein psychologischer? Wirkt vielleicht manche Musik auf sie wie Geheul anderer Hunde? Und ist ihr eigenes Heulen nur durch Mitempfindung und Mit­bewegung veranlaßt? Eine Schmerzempfindung scheint es in allen Fällen zu sein. Sie tritt bei manchen Hunden z. B. nur Leim Geigenspiel ein; nach und nach können sie sich daran ge­wöhnen und lassen das Heulen.

Doch genug jetzt von den Hunden! Daß ähnliche Vorgänge auch beim Menschen statt­finden können, ist Wohl nicht zu bezweifeln, wenn der Mensch auch nicht gerade heult, falls ihm unbehaglich bei mancher Musik zu Muthe wird.