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Deutsche Rundschau-
Bohrt man in schnellen rhythmischen Bewegungen mit dem kleinen Finger in den Gehörgang und zieht ihn dann rasch heraus, so erklingt zuweilen im Ohr ein hoher Ton. Man könnte glauben, hier liege eine Erscheinung vor, welche möglicherweise auf mangelhafter Dämpfung im Ohr beruhe. Diese Erklärung der erwähnten Erscheinung ist aber gewiß nicht richtig; ich ver- muthe eher, daß durch die genannten Bewegungen das Trommelfell in Schwingungen geräth und daß wir seinen Eigenton oder den Eigenton des äußeren Gehörganges wahrnehmen ^).
Im Anschluß an das Gesagte möchte ich noch einiger rein physiologischer, von unserem Gehörorgane ausgehender Wirkungen Erwähnung thun, welche freilich keine directe Verbindung mit der Musik haben, doch aber bei sehr reizbaren Menschen gelegentlich mit in Betracht kommen können, nämlich das Ueberspringen von Tonempfindungen auf andere Nerven. Ich habe schon früher erwähnt (S. 99), daß niedere Thiere (und vielleicht neugeborene Menschen) möglicherweise Wahrnehmungen haben, bei denen es schwer sein dürfte, zu entscheiden, ob sie von Gehörs- oder Erschütterungs- (Vibrations-) Empfindungen ausgehen. Beide Empfindungsarten scheinen sich auch bei dem ausgebildeten Menschen zuweilen mit einander zu combiniren. Wir haben bei einem starken Donnerschlage, selbst bei einem starken Trommeloder Paukenschlage, zumal aber, wenn uns ein starker Posaunen- oder Trompetenton nahe ins Ohr geblasen wird, die Empfindung, als geriethe unser Schädel in Vibration und könnte bei noch stärkeren und wiederholten Bewegungen zerspringen. Das ist nun aus physikalischen Gründen nicht zu befürchten. Es läßt sich Folgendes über die möglichen Ursachen solcher subjectiven Erscheinungen sagen. Man hat durch Versuche festgestellt, daß sehr hohe Töne, zumal solche, die über der Grenze liegen, an welcher wir noch Töne als von einander verschieden zu unterscheiden vermögen (Preyer), eine schmerzhafte Empfindung erzeugen^); eine Erklärung dafür hat man nicht. Man kann nur als Vergleich anführen, daß auch sehr grelles Licht schmerzhafte Empfindungen im Auge erzeugt. Bei der Einwirkung sehr starker Töne (Trompete, Posaune) könnte man vermuthen, daß die in Schwingung versetzten Theile des inneren Ohres so starke Excursionen machen, daß sie an den Gebilden, an welchen sie angehestet find (also auch den knöchernen Wandungen der Schnecke, an den Wänden des Labyrinthes rc.), Zerrungen ausüben, welche uns durch die in diesen Gebilden liegenden und den Gehörsnerven selbst beigesügten Empfindungsnerven als (schmerzhafte) Vibrationsempfindungen zur Wahrnehmung kommen. Dies würde der Combination von Gehörs- und Vibrationsempftndung am meisten entsprechen. Doch ist noch eine andere Auffassung möglich, nämlich daß wir es hier nur mit den so häufigen Associationsvorgängen zu thun haben, welche ja auch vielfach als rein physiologische Mitempfindungen oder secundäre Sinnesempfindungen in die Erscheinung treten. Danach müßte man dann annehmen, daß die starke
0 Urbantschitsch ist der Meinung, daß das Klingen der Effect der gesammten auf einmal erregten Basilarmembran ist.
2) Ich kenne eine ziemlich musikalische Dame, welcher schon alle über a liegenden Töne einer, wenn auch noch so schönen Sopranstimme, ein unangenehmes, fast schon schmerzhaftes Gefühl erregen.