Wer ist musikalisch?
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gewohnt sind, immer mit Obertönen verbunden ist, einen „Tonklang" darstellt, so können wir in Konsequenz unserer Hypothese die Obertöne nur dadurch wahrnehmen, daß sie gleich dem Grundton eine gewisse Anzahl von Saiten in unserem Ohr in Mitschwingungen versetzen, und daß dies zu unserer Wahrnehmung gelangt, wenn wir unsere Aufmerksamkeit daraus richten. Wir müssen aber noch weiter gehen; Wir müssen nämlich auch noch annehmen, daß die Excursion (die Amplitude) der Saitenschwingungen der Excursion der Labyrinthwasserwellen und diese der Excursion der Lustschallwellen außerordentlich genau entspricht. Wir wären sonst weder im Stande, die verschiedene Stärke eines Grundtones, noch die verschiedene Stärke der Obertöne wahrzunehmen. Ist die Fähigkeit, mehrere Töne in verschiedener Stärke gleichzeitig wahrzunehmen, schon an sich merkwürdig genug*), so grenzt es geradezu ans Wunderbare, daß wir auch noch verschiedene zugleich erklingende Töne mit verschieden starken Obertönen relativ leicht unterscheiden können; denn selbst Menschen, die sonst unmusikalisch sind, besitzen die Fähigkeit, bei einer Orchestermusik die Klänge einer Oboe, einer Flöte, eines Hornes neben den übrigen Instrumenten zu erkennen. Welche enorme Menge von Saiten in unserem Ohr müssen dabei in Schwingungen gerathen! welche Menge von Wellen im Labyrinthwasser müssen da entstehen! und doch unterscheiden wir dabei die von den verschiedenen Instrumenten erzeugten Systeme von Tonwellen, wie wir jedes einzelne Wellensystem unterscheiden, welches sich um ein Steinchen bildet, auch wenn wir eine Hand voll Steinchen zugleich ins Wasser werfen.
Die Erfahrung zwingt uns ferner anzunehmen, daß es für die in unserem Ohre schwingenden Theile besonders exact wirkende Hemmungs- oder Dämpfungsvorrichtungen geben muß. Schnell hintereinander erfolgende Töne werden nach Helmholtz noch bei 132 Jntermissionen in der Secunde isolirt wahrgenommen. Wodurch diese raschen Abdämpfungen zu Stande kommen, darüber hat man Wohl verschiedene Hypothesen ausgestellt; daher ist die Richtigkeit keiner derselben über jeden Zweifel erhaben. Ob sie in dieser Vollkommenheit angeboren sind, möchte ich bezweifeln; der Apparat wird, wie viele andere Vorrichtungen unseres Körpers, wahrscheinlich durch Hebung verfeinert. Daß diese Dämpfungsvorrichtungen, die übrigens für die tiefen und tiefsten Töne weniger exact wirken als für die hohen und höchsten Töne, für den Genuß unserer heutigen Musik von der allerhöchsten Wichtigkeit sind, ist klar; ohne dieselben würden wir einen ähnlich undeutlichen Eindruck von rasch bewegten Tonformen haben, wie wenn dieselben in einer stark hallenden Kirche oder aus einem Flügel mit stets aufgehobenem Pedal hervorgebracht würden; die einzelnen Töne würden so ineinander verschwimmen, daß wir nichts mehr deutlich hören, und dies würde um so ärger werden, je lauter eine solche Musik ist und je länger sie andauert; ja, es würde uns endlich betäuben, schwindlig machen, vielleicht bis zur Ohnmacht.
i) Das Auge besitzt nicht die Fähigkeit, zwei sich deckende Farben einzeln zu erkennen, sondern die beiden Farben verbinden sich zu einer Mischfarbe, roth und gelb zusammen empfinden wir als orange; e und 6 mischt sich nie etwa zu cl.