Heft 
(1894) 81
Seite
102
Einzelbild herunterladen

102

Deutsche Rundschau.

der Proceß, daß es der von außen angeregten Tonwahrnehmungen nicht be­darf, um eventuell neue Combinationen von Tonbildern (musikalischen Kom­positionen) zu gestalten. Ich bin überzeugt, daß Beethoven in seiner letzten Periode nicht wesentlich anders, wenn auch vielleicht Anderes componirt hätte. Wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, sein Gehör in voller Integrität bis zu seinem Lebensende zu behalten. Daß der (für mich wenigstens) so oft häßliche Klang mancher polyphonen Sätze aus seiner letzten Zeit, und eine gewisse nervöse Unruhe in manchen seiner letzten Kompositionen direct durch seine Taubheit bedingt gewesen sein sollte, ist höchst unwahrscheinlich, weil er daneben doch auch wieder wunderbar schön klingende Melodien und Harmonien schuf. Die Ursache der genannten Erscheinung liegt vielmehr in seinem grübelnden, immer Ungewöhnliches suchenden Charakter und den sprungweisen Stim­mungen, denen er unterlag und worauf seine Taubheit gewiß einen sehr Wesentlichen Einstuß hatte. Man wird es doch auch nicht für wahrscheinlich halten, daß ein Dichter, der ein Menschenalter hindurch besonders klangschöne Verse gemacht hat oder gar eine besondere Freude am Klang und Rhythmus der Sprache hatte wie etwa Rückert, anders gedichtet hätte, wenn er später taub geworden wäre. R. Wagner'sLohengrin" wurde in Deutschland auf- gesührt, während der Dichterkomponist im Exil lebte; es ist mir nicht bekannt, daß er etwas an der oft so eigenartig schönen und interessanten Klangwirkung seiner sehr complicirten Partitur geändert hätte, nachdem er später seine Oper zum ersten Male hörte. Meyerbeer änderte freilich viel nach den ersten Proben; doch diese Aenderungen bezogen sich fast ausschließlich aus die theatralischen Wirkungen und waren meist Kürzungen. Wagner hätte meiner Empfindung nach gut gethan, sein Beispiel nachzuahmen; haben doch auch Goethe und Schiller nach den Proben, selbst nach den ersten Auf­führungen, häufig genug zu Gunsten der Bühnenwirkung geändert und gekürzt.

Die hypothetische physiologische Deutung, welche wir nach Helmholtz und Hensen dem Corti'schen Organ seines eigentümlichen Baues wegen geben, zieht weitere Konsequenzen nach sich. Wir sind ja nicht nur im Stande, verschiedene einfache Töne wahrzunehmen, sondern wir unterscheiden auch Tonklänge, d. h. verschiedene Klangarten der Töne, den sogenannten Tontimbre, die Klangfarbe. Helmholtz hat nachgewiesen, daß die Klang­farbe abhängig ist von dem stärkeren oder schwächeren Mitklingen dieser oder jener Obertöne. Es ist nämlich jeder Ton von einem bestimmten Timbre, aus mehreren Tönen zusammengesetzt, -wön welchen der Grundton der tiefste ist und besonders deutlich von uns wahrgenommen wird; mit ihm zugleich entstehen die Obertöne; die Stärke der verschiedenen sObertöne ist von dem schwingenden Material (Saiten, Membranen, Zungen, Luftsäulen) abhängig. Die Obertöne sind keine rein subjektiven individuellen Mitempfindungen, sondern werden durch Schallwellen erzeugt gleich und zugleich mit dem Grund­ton, durch eine Zerlegung der Schwingungen in immer gleiche Abschnitte z. B. einer angezupften Saite. Da nun einfache Töne (ohne Obertöne) nur selten Vorkommen (Stimmgabeln), sondern jeder Ton, den wir wahrzunehmen