Heft 
(1894) 81
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Wer ist musikalisch?

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er gar nichts, weil er im Auffassen schnell gesprochener Worte nicht geübt ist. Ich bin überzeugt, daß wir eine schnell gespielte Scala auch nur durch lange Uebung so zu hören vermögen, daß wir jeden einzelnen Ton deutlich unter­scheiden, und es dann noch lange währt, bis wir eine besondere Freude an solchen schnellen Tonbewegungen haben. Leute mit schwerer Nervenerregbarkeit erscheinen uns oft als dumm, Leute mit leichter Nervenerregbarkeit als klug. Hierin trügt der Schein häufig. Ob das Empfindungs- und Gedankenspiel langsam oder schnell vor sich geht, hat aus die Intensität des Empfindens und Denkens, auf das Erkennen des Wesentlichen und Beiseiteschieben des Un­wesentlichen (Urtheil), ans die Hervorrufung mehrerer oder weniger Associationen (Phantasie), und aus das schließliche Resultat dieser Vorgänge: Vorstellung, Wille und Handlung keinen Einfluß. Nur sind uns Menschen, in welchen alle Bewegungen im Nervensystem sehr langsam Vorgehen, im Verkehr sehr unbequem; sie machen uns ungeduldig.

Noch eins darf nicht unerwähnt bleiben. Es kann Jemand ein noch so sein ausgebildetes Corti'sches Organ, eine noch so leichte Nervenerregbarkeit besitzen, und doch keinen Vortheil davon haben, wenn nämlich die Wege, auf welchen der Schall zu dem Endorgan des Gehörnerven sich sortpflanzen muß, verlegt oder schwer passirbar sind. Denn wir wissen, daß die Schallwellen der Lust zunächst das Trommelfell treffen, durch welches sie vermöge der mit Gelenken unter einander verbundenen Gehörknöchelchen auf das Labyrinth­wasser fortgesetzt werden; dies umspült das Corti'sche Organ, und erst seine Wellenbewegungen versetzen direct die erwähnte Basilarmembran in Schwingungen. Es kann ein Kind mit verwachsenem Gehörgang geboren werden; es können sich durch Krankheit Verdickungen am Trommelfell und im sogenannten Mittelohr bilden ; letzteres ist die Ursache der häufig im Alter auch ohne Krankheit auftretenden Schwerhörigkeit. Treten solche Veränderungen im Mittelohr schon im frühen Kindesalter auf, so kommt der nervöse Apparat des Ohres kaum in volle Thätigkeit; er mag dann auch Wohl einer Art von Jnactivitätsatrophie unterliegen, d. h. einem Verkümmern und Schwinden in Folge von Nichtgebrauch h).

Auf alle Fälle ist ein gesundes Gehörorgan eine wesentliche Bedingung für die Entwicklung der Tonempfindungen, des Tonsinns, des Musiksinns, wenn ich auch später auseinandersetzen werde, daß das Wesen des Musiksinns im Gehirn liegt.! Sehr früher Verlust des Gehörs muß den Musiksinn nach und nach Wohl vollständig ertödten, denn die wenigen in der ersten Kindheit aufgenommenen Klänge werden wie alle nicht von Zeit zu Zeit wieder hervorgerufenen Erinnerungsbilder bald verblassen, endlich ganz verschwinden. Beim Erlöschen des Gehörs im späteren Lebensalter ist, wenn das Spiel mit den ausgenommenen Klängen einigermaßen lebhaft und intensiv war, die Menge der fest eingeprägten Erinnerungsbilder eine so große und das willkürliche Hervorrufen derselben ein so leicht und rasch vor sich gehen-

0 Es war mir sehr interessant, eine Bestätigung dieser meiner Vermuthung durch exacte Beobachtungen von Urbantichitsch in einer seiner neuesten hochwichtigen Arbeiten zu finden.