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Deutsche Rundschau.
von äußerer Einwirkung in Erregung versetzt wird, z. B. durch wellenförmige Luft- oder Wasserbewegungen Ton — oder wellenförmige Aetherbewegungen— Licht, Farbe rc.; 2. centrale (d. h. im Gehirn oder Rückenmark liegende) Nervenzellen, welche z. B. nur Ton oder Licht empfinden; 3. Nervenfasern, welche die Verbindung zwischen 1 und 2 Herstellen; 4. seelische (psychische, Cortical-) Zellen, durch deren Erregung z. B. Ton und Licht erst zu unserem Bewußtsein kommen; 5. Nervenfasern, welche 2 und 4 verbinden. — Von Geburt an können schwach (unvollkommen) entwickelt oder durch Krankheit zerstört sein: 1. 2. 4. — Ebenso die Leitungsbahnen 3 und 5. — Aus jeder dieser Störungen kann Schwerhörigkeit hervorgehen, wobei die Zuleitungswege des Schalles im äußeren und Mittelohr noch gar nicht berücksichtigt find.
Die individuellen Unterschiede in der Beschaffenheit des Corti'schen Organs find vielleicht nicht sehr groß, doch Wohl mindestens ebenso mannigfaltig wie bei der Netzhaut. Es hat wenig Wahrscheinlichkeit, daß von dem genannten Organ oben und unten oder in der Mitte ein Stück angeboren fehlt, Wohl aber könnte dies durch ganz beschränkte Krankheitsprocesse veranlaßt werden.
Doch selbst bei der rigorosesten Vorsicht in der Verwendung von Analogieschlüssen wird Wohl jeder Anatom und Phhstolog zugeben, daß, wie bei allen übrigen Organen, so auch in einem normalen Corti'schen Organ die Dichtigkeit, Dicke, sowie der Wassergehalt der Schneckenmembran nicht nur bei verschiedenen Individuen, sondern selbst bei ein und demselben Individuum, sei es unter dem Einfluß des Lebensalters, sei es unter dem Einfluß von Blutgehalt und wechselndem Wohlbefinden innerhalb gewisser Breite verschieden fein kann. Dies muß natürlich einen Einfluß aus die Elasticität und Schwinguugssähigkeit der Membran, sowie auf das leichtere oder schwerere Jngangkommen ihrer Schwingungen ausüben; und wenn es sich dabei auch nur um minimale, für das Mikroskop nicht mehr wahrnehmbare Differenzen handelt, so können dieselben doch bei der unendlichen Zartheit und Komplikation des Organs zu bedeutenden Unterschieden in Betreff der Empfindlichkeit gegenüber dem raschen Wechsel der Tonklänge führen und aus die Freude an Musik einen wesentlichen Einfluß ausüben.
Weiterhin ist zu bedenken, daß auch das Uebergehen der Schwingungen der Ohrsaiten auf die entsprechenden Nervenfasern in Betreff seiner Geschwindigkeit manchen individuellen Differenzen unterliegen kann, ebenso die Schnelligkeit, mit welcher die Gehörsempfindung von den Nervenfasern zum Gehirn sort- geleitet wird.
Endlich ist auch noch ein psychologisches Moment von Wichtigkeit. Es muß nämlich die Tonempfindung dem Hörenden je in ihrer speciellen Form zum Bewußtsein kommen und sich zu einer besonderen Tonvorstellung gestalten. Hierbei kann angeboren schwere Erregbarkeit durch Uebung in früher Jugend zu etwas leichterer Erregbarkeit erzogen werden, wenn dadurch auch selten derjenige Grad von Aussassungsleichtigkeit erreicht wird, wie er bei vielen Menschen angeboren besteht. Bis ein psychisch unerzogener Bauer etwas ihm an und für sich nicht Unverständliches begreift), obgleich er ordentlich gehört hat, dauert oft sehr lange. Spricht man sehr rasch zu ihm, so versteht