Heft 
(1894) 81
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Wer ist musikalisch?

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in dem bewegten Phantasma eines polyphonen Musikstücks alle Stimmen und alle dadurch ent­stehenden Harmonien zugleich erfunden und appercipirt, oder entsteht erst eine und dann die andere Stimme? Können wir beim Anhören von polyphonen Musikstücken wirklich allen Stimmen zugleich denselben Grad von Aufmerksamkeit zuwenden? Ich kann es nicht, halte es aber nicht für unmöglich, daß es Andere können, zumal wenn sie sich bei hoher musikalischer Begabung darauf einüben.

Beschäftigen wir uns nun etwas näher mit dem Endorgan des Gehör­nerven (nach seinem Entdecker Corti'sches Organ benannt), so finden wir, daß die letzten Ausbreitungen desselben beim Menschen und anderen hoch organisirten Thieren sich an einem seinen, in der Schnecke (einem schneckenartig gewundenen Canal) liegenden Häutchen (Basilarmembran) verlieren, welches feinste, saiten­artig neben einander straff gespannte, kürzere und längere, gleich den Saiten eines Klaviers gelagerte Fasern enthält. Jede dieser Fasern oder Saiten kann immer nur in Schwingungen von einer bestimmten Dauer gerathen, mag der erregende Anstoß noch so stark oder noch so schwach sein. Man öffne einen Flügel und singe nach Aufhebung des Pedals einen Ton kräftig gegen die Saiten; die Saite, welche aus diesen Ton gestimmt ist, wird vornehmlich laut und deutlich erklingen, d. h. in Mitschwingung gerathen; das ist ein längst be­kanntes physikalisches Phänomen. Wir vermuthen nun, daß nach dem gleichen physikalischen Gesetze alle tönenden Luftschwingungen eine Anzahl der erwähnten saitenartig gespannten Fasern der Schneckenmembran, nämlich diejenigen, welche auf diesen Ton gewissermaßen eingestimmt sind, in Mitschwingnng versetzen. Da nun die Zahl dieser Saiten im Ohr natürlich eine beschränkte, wenn auch sehr große ist, so ist auch die Zahl der Töne, die der Mensch mit seinem Ohr wahrzunehmen vermag, eine begrenzte; sie umfaßt etwa sieben Octaven. Thiere, welche kein, wenn auch noch so unvollkommenes Corti'sches Organ haben, sondern welchen nur eine mit Flüssigkeit und einigen kleinsten Steinchen (Otolithen) versehene Blase als Gehörorgan dient, vermögen wahrscheinlich überhaupt keine eigentlichenTöne", d. h. Luftschwingungen von be­stimmter Wellenlänge und regelmäßig periodischen Wellen­bewegungen wahrzunehmen/sondern nurGeräusche" zu empfinden. Ja, es ist zweifelhaft, ob man bei den allereinfachsten von uns als Hörorgane ge­deuteten Bildungen überhaupt von einemHören" in unserem Sinne sprechen kann, ob da nicht vielmehr nur eine durch Luft- und Wasserwellen erzeugte Vibration wahrgenommen wird, welcher demFühlen" näher steht als dem Hören. Wir kommen aus diesen Punkt noch zurück.

Diese Fasern (Saiten) der Schneckenmembran stehen nun weiter mit Zellen, und diese Zellen wieder mit den Nervenfasern des Hörnerven in Verbindung. Das Alles zusammen bildet das Endorgan des Hörnerven. Die Hörnervenfasern leiten dann die specifische Tonempfindung wiederum zu den specifischen centralen Hörzellgruppen, und von da zu den Zellenschichten, in welchen das einheitliche (Ich-) Bewußtsein liegt. Diese Seelenzellengruppen breiten sich als sogenannte Rindenschicht (Corticalschichff von, dem lateinischen Worte eortox, die Rinde) über die ganze Oberfläche des Hirns aus. Ja, das ist ein complicirtes, wunder­bares Bauwerk; jedes Sinnesorgan ist in ähnlicher Weise construirt und gruppirt sich folgendermaßen: l. Endorgan, welches nur durch eine bestimmte Art

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