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Deutsche Rundschau.
Von außen oder innen kommende Erregungen der nervösen Endorgane ihr Spiel in uns. Es entstehen dann ohne physikalisch nachweisbare Ursache Sinnesvorstellungen, die eine solche Lebhaftigkeit erreichen können, daß wir wirklich zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen glauben. Diese Phantasmen können solchen Eindruck auf uns machen, daß sie uns mächtig ergreifen, uns weinen, lachen, springen, tanzen machen, unser ganzes Nervensystem, Körper und Seele säst ebenso, ja manchmal noch heftiger ergreifen und erschüttern als Vorstellungen, welche durch objective Wahrnehmungen erzeugt wurden.
Tie Ausdrücke „empfinden", „wahrnehmen", dann „Vorstellung", „Phantasma", „Hallu- cination" werden von verschiedenen Schriftstellern so verschieden gebraucht, daß es mir zweckmäßig erscheint, dem Leser zu sagen, wie ich sie verwende. Ein Sinneseindruck kann empfunden werden, ohne daß er zum Bewußtsein kommt. Wenn man einen enthaupteten Frosch an einem Bein mit einer Pincette kneipt, so zuckt das Bein (reflectorische Bewegung); wir nehmen deshalb an, daß der Froschrumpf „empfindet", sprechen ihm aber das Bewußtsein ab, da er kein Gehirn hat, welches man als Sitz des Bewußtseins annimmt. „Wahrnehmen" nennen wir eine „bewußte Empfindung", ein Ich „nimmt" die Empfindung als „wahr" an. Das „Wahrnehmen" ist zugleich mit einer Vorstellung verbunden „ist ein psychischer" (seelischer) Vorgang; wir „stellen" das wahrgenommene Bild „vor uns", außer uns. (Die Seele ein Spiegel der Welt. Leibniz.) Diese Vorstellungen werden in unserer Seele fixirt, verbleiben in unserem Gedächtniß; wenn wir ihrer „gedenken" (absichtlich oder unabsichtlich), so werden sie zu „inneren Vorstellungen" von mehr oder weniger Deutlichkeit. Sind sie so deutlich, daß wir sie nachbilden (copiren) können, so nennt man sie wohl „Phantasmen". Die Partitur, welche der Komponist niederschreibt, das Bild, welches der Maler componirt, ist die Kopie eines Phantasma: der Künstler phantasirt mit seinen Gedächtnißbildern (Töne, Tvncombination, Linien, Farben, Bilder); er weiß, daß seine Phantasmen nicht real sind; er will sie aber in die Außenwelt versetzen, damit sie ihm und Anderen zu objectiven Wahrnehmungen werden. Die innere (subjective) Vorstellung kann so lebhaft werden, daß sie den Eindruck einer äußeren (objectiven) macht: „Hallucination"; der Hallucinirende weiß nicht, daß seine deutliche Vorstellung nur eine innere ist, er hält sie für eine äußerliche, eine reelle. Dieser Vorgang ist in vielen Füllen ein pathologischer. Der Geisteskranke sieht und hört wirklich Menschen, die ihn anreden, und mit denen er spricht. Hamlet sieht den Geist seines Vaters wirklich. Auch der mit Alkohol acut Vergiftete (der Betrunkene) hat Hallucinationen. Ebenso werden die Traumbilder als Wirklichkeit genommen, sind daher als Hallucinationen zu bezeichnen. Bei der „Illusion" wird immer an eine Vorstellung (äußere oder innere) angeknüpft; sie kann bei klarem Bewußtsein austreten. Wenn Jemand, der nie im Theater war, eine Walddecoration für einen wirklichen Wald hält, so ist das eine Illusion; ebenso, wenn Jemand von seiner Komposition, etwa einer Oper, sich die innere Vorstellung bildet, daß sie sehr gefallen müßte, und dann durchfällt, so war seine Vorstellung eine „Illusion". Man kann „Illusion" meist mit „Täuschung", „falsche Vorstellung" übersetzen. Man sieht leicht, daß alle diese Vorgänge langsam eine anfsteigende Straße wandeln, an welcher man einzelne Stationen mit Namen bezeichnet hat, die vom reisenden Publicum acceptirt wurden und zur Mittheilung dienen, wo und wie weit man war. Es gibt zwischen den Stationen auch noch manche benannte Haltestelle. So acceptiren wir z. B. mit Leibniz - Wundt „Perception" und „Apperception", und sind bei letzterer schon um ein Stück über das bloße „Wahrnehmen" hinaus. Man nimmt nämlich mit den Sinnen, zumal mit dem Auge, oft Vielerlei zugleich wahr (percipirt); wendet man einer oder mehreren dieser Wahrnehmungen die specielle Aufmerksamkeit zu (stellt sie in den inneren Blickpunkt), so nennt man diesen Vorgang „appercipiren". Wie viele Gegenstände oder Vorgänge kann man zugleich appercipiren? Kann man Gesichts-, Gehörseindrücke, vielleicht auch noch Gefühlseindrücke zugleich appercipiren? Gibt es da Naturgesetze, oder ist es Sache der Individualität und individueller Uebung? Ich selbst kann darin nicht viel leisten, wie ich bei Melodram, Lied und Oper (Abschnitt V) berichten werde. Kann man die Vorstellung der Fortbewegung zweier Punkte in gekreuzter Linie zugleich appercipiren? Werden