Heft 
(1894) 81
Seite
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Effi Briest.

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Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge Person von etwa Zwanzig, von der Einige sagen, sie sei seine Nichte gewesen, aber die Meisten sagen seine Enkelin, was übrigens den Jahren nach kaum möglich. Und außer der Enkelin oder der Nichte war da auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und an dessen Grab wir eben vorüber gekommen sind."

Gut, gut."

Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so große Stücke auf ihn, daß er eigentlich mehr Freund als Diener war. Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hieß es, Thomsen's Enkelin, die, glaub' ich, Nina hieß, solle sich, nach des Alten Wunsche, verheirathen, auch mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch. Es gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor that sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Conventikler war, und Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht recht traute, waren geladen, und vor Allem viele Capitäne mit ihren Frauen und Töchtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her. Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit Jedem und zuletzt auch mit dem Chinesen. Da mit einem Male hieß es, sie sei fort, die Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort, irgend wohin, und Niemand weiß, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich Dir gezeigt habe, und da wurd' er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben: Man hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können, denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und gerade so gut wie die Anderen. Wen er mit den ,Anderen^ eigentlich gemeint hat, sagte mir Gieshübler, das wisse man nicht recht."

Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so 'was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben."

Und ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hieß, sehr verdacht worden, so daß es eigentlich ein Glück war, daß er drüber hin starb, sonst hätte er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, gerade so wie Du, und das Consistorium natürlich erst recht."

Trippel sagst Du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel zusammen, die wir heute Abend sehen sollen?"

Natürlich hängt er mit der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Bater von der Trippelli."

Effi lachte.Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in Allem. Daß sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte, sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so viele fremdländische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte, sich so zu italienisiren?"

Dem Muthigen gehört die Welt. Uebrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war ein paar Jahr lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch den russischen Fürsten kennen lernte, denn die russischen Fürsten sind sehr auf-